Freitag, 31. Mai 2013

In ihrem Haus


 

In ihrem Haus (OT: Dans la maison, Frankreich 2012, Regie: Francois Ozon)

Handlung: Der Literaturlehrer Germain, desillusioniert und enttäuscht von den Fähigkeiten seiner Schüler, liest eines Tages einen Aufsatz des 16-jährigen Claude. Der berichtet darüber, wie er sich langsam Eintritt in das Haus und den Alltag der Familie eines Klassenkameraden verschafft hat. Claude liefert immer neue Texte, die alle mit den Worten „Fortsetzung folgt“ enden. Germain ist von der Beobachtungsgabe und dem Talent seines Schülers fasziniert und beschließt, ihn bei seinen schriftstellerischen Versuchen mit allen Mitteln zu fördern. Und das löst eine Reihe dramatischer Ereignisse aus...

Kritik: Dieser Film ist eine wunderbare Reflexion über das Schreiben, darüber, wie Geschichten entstehen und Figuren entwickelt werden. Und das dürfte eigentlich auch Kinoliebhaber interessieren. In jeder Wohnung, in jedem Haus und hinter jedem Fenster warten Geschichten, die aufgeschrieben werden wollen, so das Fazit am Ende des Films. Es bedarf dazu nur eines Beobachters mit viel Fantasie und schriftstellerischem Talent. In dem Film selbst gehen Realität und Fiktion mit zunehmender Dauer so ineinander über, dass der Zuschauer irgendwann nicht mehr weiß, was wirklich passiert ist und was der Gedankenwelt des jungen Schriftstellers entsprungen ist. Das funktioniert wunderbar, und die Ereignisse im Film entwickeln eine mitreißende Eigendynamik, es kommt immer wieder zu spannenden Wendungen. Die Tipps, die der Lehrer seinem Schüler gibt, hat der Regisseur Ozon bereits verinnerlicht. Er beobachtet seine Figuren genau, geht mit der Kamera oft nah an sie heran und kreiert eine wunderbare Atmosphäre. Sehr gut ausgewählt wurden ausnahmslos alle Darsteller. Ernst Umhauer bringt die Figur des Claude glaubhaft und authentisch rüber: mal braver Schüler, dann in einem fremden Haus umherschleichender, aus dem Dunkeln heraus agierender Voyeur, der selbst intimste Situationen beobachtet – und aufschreibt. Sehr gut gefallen hat mir auch Emmanuelle Seigner (die Frau von Roman Polanski) als desillusionierte und im bürgerlichen Milieu gefangene Hausfrau mit unerfülltem Berufswunsch. Insgesamt ein rundum gelungener Film, der durchgehend unterhält, was an der gekonnten Inszenierung und den guten Darstellern sowie Dialogen liegt. Die Bezeichnung Thriller, die man im Zusammenhang mit diesem Film oft liest, halte ich aber für irreführend. Es ist für mich eher ein fantastisches Psychodrama mit komödiantischen und satirischen Elementen. Sollte man gesehen haben.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Germain und Claude sitzen auf einer Bank und schauen sich in der Dämmerung Häuser an. Hinter einer Vielzahl beleuchteter Fenster (die aussehen wie kleine Fernsehbildschirme) passiert etwas, warten Geschichten, die entdeckt und aufgeschrieben werden wollen

Bewertung: (8/10)

Dienstag, 28. Mai 2013

The Tortured - Das Gesetz der Vergeltung





The Tortured – Das Gesetz der Vergeltung (OT: The Tortured, Kanada/USA 2010, Regie: Robert Lieberman)

Handlung: Craig und Elise sind ein glückliches und erfolgreiches junges Paar. Ihr einziges Kind, der fünfjährige Ben, wird eines Tages aus dem Vorgarten entführt. Monate später findet die Polizei den Entführer, doch dieser hat Ben bereits brutal ermordet. Vor Gericht erhält der Mörder ein relativ mildes Urteil. Craig und Elise können sich damit nicht abfinden. Sie entführen den Täter und foltern ihn im Keller eines abgelegenen Hauses...

Kritik: „Von den Produzenten von Saw“ – mit diesen Worten wird der Film beworben. Und es ist klar, an wen er sich damit vor allem richtet: an die Liebhaber von extremem Körperhorror, von „Torture Porn“. Und die werden auch zum Teil auf ihre Kosten kommen. Bestimmen doch die Folterszenen einen Teil des Films. Der Vater des ermordeten Kindes ist, wie praktisch, Arzt. Schon aus „American Mary“ wissen wir, dass man sich mit Medizinern bzw. angehenden Medizinern besser nicht anlegen sollte. Sie sind prädestiniert für sadistische Folterspielchen und unorthodoxe Maßnahmen, können sie doch gleichzeitig verhindern, dass das Opfer stirbt... Aber den Film auf diese Folterszenen zu reduzieren, würde ihm nicht gerecht werden. In der Tat bieten die Filme der „Saw“-Reihe und einige andere in dieser Beziehung noch mehr. „The Tortured“ ist ein Selbstjustiz-Thriller mit spannender Handlung. Man fühlt mit den Eltern mit und kann ihren Hass nachvollziehen. Man erlebt ihre Krisen, inneren Konflikte und Zweifel. Durch Rückblenden erfährt der Zuschauer, wie glücklich das Familienleben vor der Ermordung des Kindes war. Der Film bleibt aus unterschiedlichen Gründen permanent spannend. Und das Ende hinterlässt einen bitteren, ganz üblen Beigeschmack...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: das Folteropfer schleicht wie ein bemitleidenswertes Monster durchs Haus // Opfer erhängt sich // einige Folterszenen

Bewertung: (6/10)

Montag, 27. Mai 2013

The Collection - The Collector 2





The Collection – The Collector 2 (OT: The Collection, USA 2012, Regie: Marcus Dunstan)

Handlung: Der „Collector“ (Randall Archer) ist wieder da und verbreitet in einer Diskothek Angst und Schrecken. Er riegelt das Gebäude ab, und nahezu alle Besucher fallen seiner Tötungsmaschinerie zum Opfer. Arkin (Josh Stewart) entkommt nur mit größter Not aus der Kiste, in die ihn der Collector gesteckt hat. Die junge Elena (Emma Fitzpatrick) befreit Arkin, der sich mit einem Sprung aus dem Gebäude retten kann. Zuvor muss er jedoch mit ansehen, wie Elena vom Collector gepackt und weggebracht wird. Arkin liegt nach dem Anschlag im Krankenhaus und wird dazu überredet, sich mit einem von Elenas Vater beauftragtem Team auf die Suche nach dessen Tochter zu begeben. Denn Arkin ist der Einzige, der dem Sammler je lebend entkommen konnte. Tatsächlich kann Arkin das von Elenas Vater beauftragte Befreiungskommando zum Haus des Sammlers führen. Arkin und das schwer bewaffnete Team betreten das Gebäude und merken bald, dass sie in den Fallen sitzen...

Kritik: Nachdem ich den Film nun in der ungeschnittenen Fassung gesehen habe, bin ich zu einer Neubewertung gekommen. Dies ist natürlich kein Film, der von einer ausgefeilten Story zehrt. Dem Zuschauer wird zu wenig Gelegenheit gegeben, sich mit den Personen, die auch nicht immer logisch handeln, wirklich zu identifizieren. Und auch über die Motivation des Täters erfährt man wenig. Dieser Film lebt von den Schauwerten (Fallen und Tötungsarten) und der Atmosphäre in der Diskothek (Anfangsgemetzel) sowie später in dem weitläufigen Haus des Collectors. Und das macht die narrativen Schwächen allemal wett. Wenn das Kennwort zum Eintritt in die Disco „Nimmermehr“ lautet, was natürlich eine Anspielung auf Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe“ ist, dann ahnt der erfahrene Horrorfilmfan, dass sich die Diskothek schnell in ein Grab verwandeln könnte. Schwarz wie ein Rabe kommt dann auch der Collector daher, der sich seine Opfer zunächst aus der Vogelperspektive anschaut, bevor er die Tötungsmaschinerie in Gang setzt. Das Haus, in dem der Collector seine Opfer gefangenhält und foltert, ist der ideale Raum für einen Horrorfilm. Mit seinen vielen engen Gängen und unterschiedlichen, aber immer eher unübersichtlichen, weil dunklen Zimmern sind die idealen Voraussetzungen geschaffen, um die Spannungsschraube noch mal anzuziehen. Und das gelingt dem Film. Die zahlreichen, oft unmotivierten Schnitte, die ich in meiner ersten Besprechung kritisierte, waren zum größten Teil den Zensoren zu verdanken. In der Uncut-Version lässt sich die Kamera schon die nötige Zeit, wenn es sein muss, und zeigt genau, woran zum Beispiel die an die Wand genagelt Frau stirbt. Und es gelingt dem Film, auch zwischen den Highlights der Tötungsszenen, permanent eine düstere, bedrohliche Atmosphäre aufrechtzuerhalten. Ein eindeutig überdurchschnittlicher Horrorfilm, der einem kaum Zeit zum Durchatmen lässt und noch dazu starke Bilder und eine gute Kameraführung bietet.

Von der FSK-18-Fassung, die um zwei bis drei Minuten gekürzt worden ist, kann ich also nur abraten (Jugendschutz ja, auf jeden Fall, aber der Staat in Deutschland sollte endlich mit der Bevormundung von Erwachsenen und der Verschandelung von Kunstwerken aufhören. Das ist im benachbarten Ausland auch möglich, ohne dass die soziale Ordnung auseinanderfällt! Aber wenn Bürokratien und Behörden mit Arbeitsplätzen erst mal geschaffen worden sind, wird man sie nicht mehr los. Das ist der reale Horror, der Horror des Systems!). 

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Disco-Gemetzel // unter Drogen gesetzte, zombieartige Opfer des Sammlers greifen das Team an // an die Wand genagelte Frau // Elena sitzt in der Kiste und schaut mit der Kamera aus einem kleinen Loch und sieht, wie jemand vom Sammler massakriert wird // ausgenommenes und amputiertes Opfer auf einer Liege // grotesk verstümmelte Körper in durchsichtigen, mit Flüssigkeit gefüllten Behältern

Bewertung: (7/10)

Samstag, 25. Mai 2013

Dredd



 

Dredd (OT: Dredd, Südafrika/Großbritannien 2012, Regie: Pete Travis)

Handlung: Mega City One ist eine gigantische Metropole in der düsteren Zukunft Amerikas. Rund 800 Millionen Menschen wohnen in der Stadt, wo Gewalt, Chaos und Verbrechen herrschen. Die Außenwelt um Mega City One herum ist unbewohnbar, dort gibt es nur Dürre, Schmutz und Staub. Das Hauptproblem dieser Stadt der Zukunft ist die Kriminalität. Sogenannte Judges versuchen tagtäglich für Recht und Ordnung zu sorgen. Sie sind Polizei, Richter und Henker in einer Person. Todesurteile werden oft vor Ort durchgeführt. Der Judge Dredd und seine „Azubine“, Cassandra Anderson, legen sich mit der Drogenbaronin Ma-Ma an, als sie einen ihrer Handlanger zu fassen kriegen und abführen wollen. Doch sie haben die Rechnung ohne Ma-Ma gemacht. Sie lässt den gigantischen Hochhauskomplex, in dem die Gefangennahme stattfand, abriegeln und hetzt die gesamte Einwohnerschaft dieses Hochhaus-Slums auf die beiden Judges. Ein aussichtsloser Kampf ums Überleben beginnt...

Kritik: Dies ist der zweite Versuch der Verfilmung des Comics „Judge Dredd“ aus der legendären britischen Comicreihe „2000 A.D.“. Die erste Kinoadaption gab es 1995 mit Sylvester Stallone („Judge Dredd“, Regie: Danny Cannon). Glaubt man den Comicfans und Kennern der Vorlage, so ist „Dredd“ die adäquatere Verfilmung. Das zeigt allein die Diskussion um die Helmtragedauer des Judges. Sylvester Stallone hat in dem Film von 1995 seinen Helm „nur“ runde zwanzig Minuten getragen (na klar, man wollte schließlich mit dem berühmten Gesicht Kasse machen). Der Dredd der 2012er-Version nimmt seinen Helm, so wie im Comic, niemals ab. Die Nähe zur literarischen Vorlage ist für mich aber kein Qualitätskriterium. Ich beurteile den Film, und der hat mir ausgezeichnet gefallen. Alleinige wirkliche Identifikationsfigur ist Olivia Thirlby, die die Mutantin und Judge-Anwärterin Anderson spielt. Ihre Figur ist die einzige, die Gefühle und Skrupel zeigt, die von inneren Konflikten beherrscht wird, in dieser kalten Zukunft menschlich wirkt. Thirlby darf ihren hübschen Kopf über die gesamte Laufzeit des Films präsentieren. Sie muss keinen Helm tragen, denn der würde ihre außergewöhnlichen telepathischen Fähigkeiten stören. Das war es dann aber auch schon mit dem Tiefgang. Es reicht aus, dass man mit den beiden Hauptfiguren mitzittert, zumal die Antiheldin Ma-Ma schablonenhaft und eindimensional böse dargestellt wird. Lena Headey (bekannt aus „Game of Thrones“) interpretiert ihre Rolle allerdings hervorragend. Der Film spielt fast die gesamte Zeit in dem Hochhauskomplex, der jedoch so riesig und weitläufig ist (wie eine kleine Stadt), dass das kein Nachteil ist. Die schmutzige Zukunftsvision und das Design von Mega City One überzeugen. Mit seiner spannenden, blutigen und gewalthaltigen Handlung unterhält der Film über die gesamte Lauflänge und es kommt zu keinem Zeitpunkt Langeweile auf. Die durchgängig düstere Grundstimmung und tolle visuelle Effekte machen den Film zu einem Erlebnis. Besonders auch die Splatterszenen in Ultrazeitlupe haben es in sich. Und diese Zeitlupenaufnahmen sind nicht nur filmästhetisch motiviert, sondern auch diegetisch. Die Drogenbaronin Ma-Ma verkauft eine Droge namens Slo-Mo. Wer sie inhaliert, erlebt alles um sich herum in Zeitlupe. Sowohl die sadistische Ma-Ma als auch Dredd haben natürlich herausgefunden, was man damit alles anstellen kann, besonders bei Exekutionen. Diese Szenen sind für mich ein Highlight des Films. Wer SciFi und Action mag: unbedingt anschauen!


Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Ma-Ma gibt in Slo-Mo den Löffel ab // Mega City One // Aufnahmen der Stadt und ihrer Bewohner aus Vogelperspektive // Slo-Mo-Junkies werden erschossen, in Slo-Mo...

Bewertung: (7/10)

Dienstag, 21. Mai 2013

Silent Hill Revelation


 


Silent Hill Revelation (OT: Silent Hill: Revelation 3D, Frankreich/USA/Kanada 2012, Regie: Michael J. Bassett)

Handlung: Die Handlung schließt direkt an die Ereignisse des ersten Teils an. Rose und ihre Tochter Sharon sind in Silent Hill gefangen. Rose kann jedoch durch einen Spiegel mit ihrem Mann Christopher Kontakt in der realen Welt aufnehmen und schafft es, ihm Sharon mit einem Amulett zu schicken. Rose bleibt jedoch dort, um den Kult, der Sharon in seiner Gewalt haben will, abzulenken. Diesen Teil der Handlung erfahren wir durch eine Rückblende. Der Film spielt Jahre später: Sharon hat keine Erinnerung an die Ereignisse in Silent Hill und Christopher lässt sie in dem Glauben, dass ihre Mutter bei einem Autounfall starb. Sharon (die sich jetzt Heather nennt) und Christopher (der sich jetzt Harry nennt) sind seit Jahren auf der Flucht vor den bösen, unheimlichen Mächten von Silent Hill. Sie wechseln ständig Aufenthaltsorte und Identitäten. Sharon denkt, das habe mit einem Verbrechen ihres Vaters zu tun. Sie wird jedoch ständig von Albträumen geplagt, in denen sie sich im Vergnügungspark von Silent Hill wiederfindet. Als sie an ihrem 18. Geburtstag von der Schule zurückkommt, ist ihr Vater verschwunden. Im Haus findet sie an einer Wand die mit Blut geschriebene Nachricht: „Come to Silent Hill!“ Mit einem Mitschüler macht sie sich auf den Weg dorthin, um ihren Vater zu retten...

Kritik: „Silent Hill Revelation“ ist ein in jeder Beziehung gelungener Horrorfilm. Er hat alles, was sich der Fan des fantastischen Horrors nur wünschen kann: Visionen im Spiegel, Albträume, Splatter (abgetrennte Finger und reihenweise abgetrennte Unterarme, Menschen im Schlachthaus, die wie Schweine ausgenommen werden), eine Vielzahl gruseliger Monster und Wesen (u. a. eine Art Spinnenmonster mit menschlichen Köpfen), eine gute Geschichte und eine durchgängig düstere, bedrohliche Atmosphäre sowie glaubwürdige Darsteller. Besonders beeindruckend fand ich die Szene, in der Heather durch das nebelige Silent Hill geht und unheimliche Gestalten mit weißen Gesichtern sie aus den Fenstern heraus beobachten. Kaum Handlung, aber Atmosphäre pur!

Vorlage für den Film war das Videospiel „Silent Hill 3“ von Konami. Das merkt man „Silent Hill Revelation“ in dem Moment an, in dem Heather ein Gebäude in Silent Hill betritt. Zocker werden sich an unzählige Spiele erinnert fühlen, in denen sie ihre Figur durch Gebäude leiten, Treppen rauf- und runtergehen, Räume und Gegenstände erkunden und mit Rundumblicken immer wieder in alle Richtungen schauen, weil die Gefahr überall lauert. Das alles tut Heather hier auch, und diese Videospiel-Ästhetik funktioniert, kreiert eine unheimliche Spannung und Erwartungshaltung beim Zuschauer.

Die Kameraarbeit trägt ihren Teil zur spannenden Atmosphäre bei. Mal beobachtet die Kamera die Heldin aus Aufsichtperspektive, dann verfolgt sie sie in Parallelfahrt, und im nächsten Moment begleitet sie die Hauptfigur von hinten. Einmal holt die Kamera das Monster für die Heldin buchstäblich ab. Ja, richtig gelesen. Als Heather in ihrer neuen Schule eine Vision hat, findet sie sich plötzlich in einem finsteren, dunklen Gang wieder. Die Kamera bewegt sich rückwärts von der Heldin weg. Heather ist nur noch klein in der Ferne zu sehen. Dann kommt links im Vordergrund, groß, eine dieser folierten Silent-Hill-Kreaturen ins Bild. Die Kamera, offensichtlich befriedigt, das im Bild zu haben, was sie suchte, stoppt und fährt nun rasant in die andere Richtung, wieder direkt auf Heather zu. Diese schreit vor Entsetzen, ist es doch offensichtlich nicht nur die Kamera, die sich ihr rasend schnell nähert. Klasse! Insgesamt ein absolut gelungenes Sequel, atmosphärisch und mit tollen Effekten. Dass das Ende nach einer weiteren Fortsetzung schreit, ist in diesem Fall kein Manko, sondern hoffentlich ein Versprechen...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: eine gefangene Frau wird in eine Schaufensterpuppe verwandelt // Alessa, die böse „Schwester“ von Heather, die ein bisschen so aussieht wie eine durchgeknallte Tochter von Michael Jackson // Männer an Fenstern beobachten Heather in Silent Hill // Pyramid Head, eine Art Gladiator mit Pyramidenhelm // Spinnenmonster mit Köpfen // kopfüber hängende Menschen werden ausgeweidet // die Verwandlung der Sektenführerin // die Nurses // großer Plüschhase und Plüschhasen in Folie // Karussellfahrt u. v. m.

Bewertung: (8/10)

Montag, 20. Mai 2013

Der fantastische Film. Geschichte und Funktion in der Mediengesellschaft



 

Oliver Jahraus/Stefan Neuhaus (Hrsg.): „Der fantastische Film. Geschichte und Funktion in der Mediengesellschaft“, Würzburg 2005

Dieser Sammelband ist entstanden aus den Beiträgen zu einer Tagung über Fantastikforschung, die im Januar 2004 an der Universität Oldenburg stattfand. Es handelt sich um wissenschaftliche Aufsätze (also mit Anmerkungsapparat). Aber keine Angst, sie sind allgemeinverständlich geschrieben, und auch die (wenigen) englischen und französischen Originalzitate sind mit Grundkenntnissen in diesen Sprachen und aus dem Kontext leicht zu übersetzen. Die Leitfrage, die allen Beiträgen zugrundeliegt, lautet: „Inwiefern könnte die Fantastik paradigmatisch für unsere Gegenwartskultur sein?“ Das Fantastische weist indirekt immer auf die Realitätsvorstellungen einer Kultur hin. Nur vor dem Hintergrund dessen, was die Zeitgenossen als real anerkannt und definiert haben, kann man von Phänomenen behaupten, sie seien fantastisch, irreal, unrealistisch, wunderbar. In dem Band wird an zentralen Beispielen verdeutlicht, wie die besonderen medialen Eigenschaften des Films das Fantastische inszenieren und wie dabei Themen unterschiedliche Schwerpunktsetzungen erhalten, je nachdem in welcher Zeit sie diskutiert werden/wurden. Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang den Beitrag von Gunter E. Grimm (siehe Inhalt), der sich mit den filmischen Metamorphosen beschäftigt, die die Figur des Grafen Dracula im Verlaufe von Jahrzehnten erfahren hat. Wer noch tiefer in dieses Thema eintauchen will, kann sich zusätzlich die Dissertation von Margit Dorn anschauen („Vampirfilme und ihre sozialen Funktionen: Ein Beitrag zur Genregeschichte“, Frankfurt a. M., Bern u.a. 1994). Lesenswert ist auch der Beitrag von Ken Woodgate, der auf das Neue, die perspektivische Umkehrung in Alejandro Amenábars „The Others“ hinweist: „Was aber dieser Film von anderen fantastischen Werken am deutlichsten unterscheidet, ist die Inversion der zwei Welten. Die seltsamen Ereignisse sind nicht auf das Eindringen einer übernatürlichen Welt in die natürliche zurückzuführen, sondern auf das Eindringen der normalen Welt ins Übernatürliche. Was der Zuschauer zunächst für die normale Welt gehalten hat, war eigentlich die Welt der Gespenster. Diese perpektivische Umkehrung hat zur Folge, dass der Horror relativiert wird...“ (S. 185). Die Beiträge des Sammelbandes reichen vom Stummfilm „Der Student von Prag“ bis hin zu den „Matrix“- und „Harry Potter“-Filmen. Da sollte für jeden etwas dabei sein. Ich empfehle dieses Buch allen am fantastischen (Film-)Genre Interessierten...

Inhalt: Oliver Jahraus/Stefan Neuhaus: Fantastik als Paradigma der Kultur – Stefan Neuhaus: Das Fantastische als die Signatur der Zeit. Möglichkeiten eines „unmöglichen Tauschs“ von Theorie und Film – W. Martynkewicz: Von der Fremdheit des Ichs. Das Doppelgängermotiv in „Der Student von Prag“ (1913) – Gunter E. Grimm: Monster und Galan. Graf Draculas filmische Metamorphosen – Christoph Houswitschka: Burned to Light: Die Rezeption von F. W. Murnaus „Nosferatu“ (1922) in E. Elias Merhiges „Shadow of the Vampire“ – Johannes Pankau u. Jens Thiele: Ein seltsamer Fall: „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ (1886) von Robert Louis Stevenson und Rouben Mamoulians filmische Adaption von 1931 – Birgit Haas: Nostalgie und Klischeemontage. Robert Zemeckis „Zurück in die Zukunft“ (1985) – Stefan Neuhaus: Allegorien der Macht: „Batman“ (1989/1992) und „Spider-Man“ (2002) – Michael Meyer: „Frankenstein“ (1994): Monströse Transformationen in Text und Film – Oliver Jahraus: Die Matrix des Mediums Film. Philosophische und religiöse Aspekte des Fantastischen in „The Matrix“ (1999) – Sabine Kyora: Im Körper des Anderen. „Being John Malkovich“ (2000) – Ken Woodgate: „The Others“ (2001): Fantastische Umkehrung – Gertrud Rösch: Wächst das Rettende auch? Die Konzeptualisierung und Visualisierung des Bösen in den Filmen „Harry Potter“ (2001/2002) und „Men in Black“ (1997/2002)

Sonntag, 19. Mai 2013

Vampiro



 

Vampiro (OT: El Vampiro, Mexiko 1957, SW, Regie: Fernando Méndez)

Handlung: Die hübsche Marta hat von ihrem Onkel eine Nachricht bekommen, dass ihre geliebte Tante Maria im Sterben liegt. Marta reist also in die kleine mexikanische Stadt Sierra Negra, an den Ort, wo sie ihre Kindheit verbracht hat. Sie muss feststellen, dass die Hazienda zur Ruine verkommen ist. Und sie erfährt, dass Marta bereits verstorben ist. Ihre andere Tante, Eloise, ist ein Vampir, ebenso wie der mysteriöse Nachbar, Duval, der die Hazienda unbedingt kaufen will und der Marta zudem nach dem Leben trachtet...

Kritik: Ein besonders in Europa lange verkanntes Meisterwerk des Vampirfilms, das 1957 den Durchbruch für den mexikanischen Horrorfilm bedeutete. Ein Jahr vor dem in knalligen Farben aufgenommenem „Dracula“ der Hammer-Studios kommt dieser Streifen noch schwarz-weiß daher. Der charismatische Vampir erinnert dabei schon ein wenig an Christopher Lee, und zum ersten Mal wird ein Blutsauger mit verlängerten Eckzähnen gezeigt (Murnaus „Nosferatu“, 1922, hatte verlängerte Schneidezähne/Rattenzähne, Tod Brownings „Dracula“ biss 1931 ohne verlängerte Hauer zu). Der Film schlägt in gewisser Weise eine Brücke zwischen Tod Brownings „Dracula“ und den „Dracula(s)“ der britischen Hammer-Studios. Die an den expressionistischen Film erinnernden hervorragenden SW-Aufnahmen verleihen dem Film eine dichte, gruselige Atmosphäre. Überhaupt ist die Kameraarbeit sehr gut, manchmal nahezu innovativ. In vielen Einstellungen wird mit der Tiefe des Raumes gespielt. Nicht mit so perfekter Schärfe wie in „Citizen Kane“, aber doch ähnlich. Besonders gelungen ist eine Szene am Anfang des Films, als die Kamera Marta und ihren Begleiter beobachtet, die mit viel Gepäck und zu Fuß auf dem Weg zur Hazienda sind. Durch eine schnelle Kamerabewegung/-schwenk wird die Vampirin (zu der Zeit weiß man noch nicht, dass es eine ist) ins Bild genommen. Im Vordergrund, praktisch direkt vor der Kamera, taucht sie in ihrem schwarzen Gewand urplötzlich auf. So nah, dass die Kamera ausweichen muss, um nicht mir ihr zu kollidieren. Mit dem begleitenden Sound hat das schon Schockeffekt-Charakter. Später im Film, bei einer Schlägerei, füllt das (bewegungs-)unscharfe Gesicht eines von einem Schlag Getroffenen den gesamten Bildkader aus. Kein Vergleich mit der eher langweiligen, meist statischen Kamera in Tod Brownings „Dracula“. Wer Vampirfilme mag und sammelt, sollte dieses kleine Meisterwerk in seinem Schrank stehen haben. Dass einige Effekte nicht so gelungen sind, wie zum Beispiel die zahlreichen Fledermausflüge, sollte einen nicht abschrecken. Das haben auch die Hammer-Studios nie realistisch hinbekommen.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Dracula tötet einen Bauern // Dracula erhebt sich aus dem Sarg // Vampirin Eliose erscheint aus dem Nichts // (un)tote Maria im Sarg mit Jesusfigur auf dem Bauch // sterbende Vampirin, die langsam altert und sich in ein Skelett verwandelt

Bewertung: (7,5/10)

Freitag, 17. Mai 2013

Die Konstitution des Wunderbaren



 

Simon Spiegel: „Die Konstitution des Wunderbaren. Zu einer Poetik des Science-Fiction-Films“, Marburg 2007

Das Buch von Simon Spiegel gliedert sich in zwei Hauptteile. Im ersten Teil konzentriert sich der Autor auf die Fragen, was Science-Fiction überhaupt ist, wie sie sich sinnvoll definieren lässt und wo ihre kulturhistorischen Wurzeln liegen. Entsprechend besteht dieser erste Teil aus vier Hauptkapiteln: 1. Forschungsgeschichte 2. Definitionen 3. Historisches 4. Philosophisches.
Der zweite Teil ist das Kernstück seiner Studie. Hier versucht der Autor, „einige Elemente einer Poetik des SF-Films zu skizzieren“. Eine Poetik, so Spiegel, definiere Textsorten und grenze sie voneinander ab. Darüber hinaus versuche sie, „die Prinzipien und Regeln, denen Kunstwerke folgen, aufzuzeigen“. Im Rahmen seiner Poetik untersucht Spiegel, wie SF-Film „funktioniert“. Fragen der Dramaturgie, der Ästhetik und der Wirkung stehen dabei im Mittelpunkt. Aber auch narratologische Aspekte werden nicht gänzlich vernachlässigt, wenn auch der Autor betont, dass sein Hauptaugenmerk nicht auf dem Akt des Erzählens und der Interpretation einzelner SF-Filme liege. Die Kapitel des zweiten Teils lauten: 5. Die Möglichkeiten wunderbarer Welten 6. Welten erzählen 7. Bedeutende Bilder 8. Naturalisierung – Verfremdung 9. Durchbrüche 10. Erhabenes – Groteskes 11. Effektvolle Spektakel 12. Altes und Neues.

Spätestens jetzt sollte jedem klar geworden sein, dass „Die Konstitution des Wunderbaren“ keine leichte Lektüre ist. Wie auch? Handelt es sich doch um eine Dissertation, die von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich 2006 angenommen wurde. Was das Buch aber auch für den interessierten Laien interessant macht, sind vor allem zwei Aspekte. Erstens ist es die Fülle von Filmbeispielen, die der Autor heranzieht (laut Klappentext sind es „rund 300“). Unter anderem argumentiert Spiegel an einer Stelle überzeugend, dass der Film „Lost Highway“ von David Lynch auch als Science-Fiction-Film gelesen werden kann. Sehr interessant! Zweitens die beiliegende DVD. Darauf sind mehrere der im Buch erwähnten Sequenzen in voller Länge zu sehen. Welche das sind, erkennt man unter den Abbildungen im Buch an einem Filmstreifensymbol. Das Buch ist im Schüren Verlag erschienen und kostet rund 25 Euro. Für eine Dissertation plus DVD ein günstiger Preis.

Dienstag, 14. Mai 2013

Under the Bed - Es lauert im Dunkeln




Under the Bed – Es lauert im Dunkeln (OT: Under the Bed, USA 2012, Regie: Steven C. Miller)

Handlung: Nach dem furchtbaren Feuertod seiner Mutter verbrachte Neal zwei Jahre bei der Tante, wohl weil der Vater ihm die Schuld an dem Tod seiner Frau gegeben hat. Nun kehrt Neal in seine Familie (der Vater, dessen neue Partnerin und der kleine Bruder Paulie) zurück. Paulie berichtet Neal von einem Monster, das seit zwei Jahren unter seinem Bett haust. Neal fühlt sich sofort an die Ereignisse vor zwei Jahren erinnert. Denn jenes Wesen war es, das den Tod der geliebten Mutter verschuldete. Zusammen versuchen die Brüder, sich den nächtlichen Attacken des Monsters zu erwehren. Doch das scheint nur auf die Rückkehr von Neal gewartet zu haben. Es drängt immer stärker von der jenseitigen Welt unter dem Bett in die diesseitige...

Kritik: Der Film braucht recht lang, um in Fahrt zu kommen. In der ersten Hälfte hat man den Eindruck, es handele sich um ein Familiendrama. Die Integrationsprobleme Neals und der reizbare Vater stehen im Vordergrund der Erzählung. Langsam und allmählich aber steigert sich die bedrohliche Atmosphäre. Bis sich dann irgendwann eine Tür von selbst öffnet, eine Waschmaschine anfängt zu klappern und wie in Tobe Hoopers „Poltergeist“ Spielzeuge in der Luft umherfliegen. Das Monster wird auf klassische Weise eingeführt. Erst hört man nur die fürchterlichen Geräusche, die es von sich gibt, dann sieht man irgendwann die Klaue, die nach den Kindern greift, dann die Fratze, und gegen Ende des Films darf es sich in ganzer Schönheit zeigen. Viele Fragen bleiben aber offen oder werden gar nicht gestellt. Wieso kann das Monster die Barriere zwischen jenseitiger und diesseitiger Welt auf einmal problemlos überwinden und in Haus und Garten der Familie herumspazieren? Wo es doch zwei Jahre lang nur imstande war, gerade mal unterm Bett hervorzuschauen. Der kleine Paulie hat angeblich seit zwei Jahren nachts nicht mehr geschlafen. Hat er den Schlaf dann tagsüber nachgeholt? Wieso fiel das den Eltern dann nicht auf? Das Monster kommt jede Nacht und reagiert besonders auf Geräusche und macht ebensolche. Wieso hat der Vater das zwei Jahre nicht mitbekommen? Als Kind würde man seinen Vater doch so lange nerven, bis er sich das selbst mal anschaut. Man kann es ja jederzeit „locken“. Und es gibt sogar ein Polaroid-Foto von dem Monster. Wurde das dem Vater nie gezeigt? Überhaupt ist das (nicht vorhandene) Kommunikationsverhalten der Protagonisten eigentümlich. Die neue Partnerin des Vaters hat erlebt, wie die Waschmaschinen ohne Grund anfangen sich zu bewegen und zu scheppern. Hat sie das ihrem Mann nicht erzählt? Warum nicht? Die Reizbarkeit des Vaters allein rechtfertigt diese Nicht-Kommunikation in allen Bereichen ihm gegenüber nicht. Es wird auch keinerlei Erklärung für das Vorhandensein des Monsters angeboten, außer der hanebüchenen Geschichte, dass Monster vielleicht gerne unter den Betten der Menschen hausen, weil sie sich von deren Hautschuppen ernähren – und manchmal eben noch mehr Hunger bekommen. Natürlich gibt es wunderbare Horrorfilme, die ebenfalls mit Logik nichts am Hut haben. „Under the Bed“ wirkt für mich aber irgendwie besonders unrund und unausgereift. Der Film ist jedoch kein Totalausfall. Die Spannung nimmt langsam, aber stetig zu, es gibt einige wunderbare Schockmomente und die Schaueffekte der letzten circa zwanzig Minuten, denen auch Splatterfans etwas abgewinnen könnten, entschädigen für die narrativen Schwächen des Films.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Paulie schläft in der Theater-AG ein und hat eine Vision vom Monster // die Monsterkralle greift unter dem Bett nach den Kindern // Paulies und Neals „Ausflug“ in die jenseitige Welt unter dem Bett // das Monster

Bewertung: (6/10)

Sonntag, 12. Mai 2013

Madison County




Madison County (OT: Madison County, USA 2011, Regie: Eric England)

Handlung: Eine Gruppe von College-Studenten reist nach Madison County, eine kleine Stadt in den Bergen Arkansas. Dort wollen sie den Autoren des Buches „Devil in the Woods“ interviewen, in dem er von einer Reihe grausamer Morde an Fremden in der abgelegenen Stadt berichtet. Doch der Autor des Buches ist spurlos verschwunden, und die Einwohner bestreiten, je etwas von den Morden gehört zu haben. Die Jugendlichen stellen nun eigene Nachforschungen an. Doch das hätten sie besser nicht getan. Denn der Killer hat es wohl nur auf Fremde abgesehen...

Kritik: „Madison County“ ist ein Slasher im Stil der 80er-Jahre. Der Killer trägt zwar keine Eishockeymaske, sondern eine Schweinemaske. Aber alles andere kommt einem irgendwie bekannt vor. Die Jugendlichen verhalten sich nicht gerade helle und scheinen auch noch nie Horrorfilme gesehen zu haben. Denn dann wüssten sie, dass dem Killer mit einem Schlag oder Hieb nicht der Garaus zu machen ist. Man muss dann schon noch mal nachsetzen, wenn er am Boden liegt. So kommt es, wie es kommen muss: Das Schwein steht immer wieder auf und schlachtet einen nach dem anderen aus der Gruppe ab, und die Frage lautet: Überlebt jemand? Wenn ja, wer? Sehr gut ist die Kameraarbeit. Besonders das Spiel mit Schärfe und Unschärfe lässt ein intensives Gefühl von Bedrohung und Suspense entstehen. Zum Beispiel wenn das Opfer im Vordergrund bei Offenblende scharf abgebildet wird, während sich der Killer im Hintergrund klein, langsam und fast unmerklich aus dem Unschärfebereich löst, sich still und heimlich dem Opfer nähert und immer größer und bedrohlicher wird. Die Atmosphäre des Films ist also teilweise sehr gut, Dialoge und Schauspielerleistungen eher Mittelmaß. Für einen Slasher sind auch die Morde einfallslos und (relativ) unblutig. Durchschnitts-Slasher für den Samstagabend, am besten mit zwei bis drei Bier im Anschlag zu genießen.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: die Oma im Diner // Schweinemaske begeht ihren ersten Mord, während im See zwei einheimische, barbusige Schönheiten baden und völlig unbeteiligt bleiben // Schweinemaske löst sich aus dem unscharfen Hintergrund und kommt immer näher und näher

Bewertung: (5,5/10)

Freitag, 10. Mai 2013

Excision

 


Excision (OT: Excision, USA 2012, Regie: Richard Bates jr.)

Handlung: Pauline ist eine 17-jährige Highschool-Schülerin, die von einer Karriere als Chirurgin träumt. Nur so, glaubt sie, könne sie später ihrer kleinen, an Mukoviszidose erkrankten Schwester helfen. Doch Pauline ist keine normale Schülerin, sie ist ein Außenseiter, ein Freak, mit dem niemand etwas zu tun haben will. Sie legt wenig Wert auf ihr Äußeres oder Verhaltenskonventionen und eckt mit ihrer Art bei Lehrern und Mitschülern immer wieder an. Besonders aber mit ihrer Mutter liegt sie im Dauerstreit. Nachts hat Pauline obszöne Träume, die von Sex, Blut und Leichen handeln. Diese Träume scheinen sie auch sexuell zu erregen. Als sie ihre Jungfräulichkeit verlieren will, geht sie zu ihrem Favoriten aus der Highschool und sagt es ihm direkt ins Gesicht. Sie gibt ihm ihre Telefonnummer mit dem Hinweis, sich nicht zu viel Zeit zu lassen. Sie arrangiert den Termin so, dass sie während der Entjungferung ihre Periode hat. Zu Hause kommt es immer wieder zu Streit mit der Mutter. Diese schickt Pauline, um sie zu disziplinieren, in eine Tanzgruppe. Pauline fühlt sich zu alt dafür, findet es nur peinlich und tut alles, um nicht dorthin gehen zu müssen. Langsam eskaliert die Situation. Pauline verfällt immer mehr dem Wahnsinn und entschließt sich, eine Lungentransplantation an ihrer Schwester vorzunehmen...

Kritik: Wenn man sich regelmäßig Filme anschaut, dann schaut man sich auch regelmäßig Filme an, die in die Kategorie Zeitverschwendung fallen. „Excision“ ist einer der Filme, die einen für all das entschädigen. Dafür wurde das Kino erfunden. „Excision“ ist ein Film, der direkt in die Magengrube zielt und einen noch Tage später beschäftigt. „Excision“ rockt. Aus diesem Holz sind Kultfilme gemacht. Wer jedoch kein Blut sehen kann, der wird schon nach den ersten 60 Sekunden abschalten. Aber das wäre ein Fehler. Genremäßig lässt sich „Excision“ schwer einordnen. Es ist ein Mix aus Horrorfilm, Coming-of-Age-Film und Drama. Umwerfend ist Annalynne McCord als Pauline. Mit ihrer grandiosen Art beherrscht sie den ganzen Film. Ihre blutigen Träume werden scharf und in knalligen Farben, poetisch und surreal in Szene gesetzt. „Excision“ seziert auf den ersten Blick das konservativ-religiöse Amerika mit seiner rigiden Sexualmoral und den üblichen gesellschaftlich anerkannten Zwängen. Man entwickelt Sympathien für Pauline und applaudiert ihr innerlich, wenn sie in Dialogen ihrer strengen Mutter, einem Geistlichen, Lehrern und Mitschülern mit beeindruckender Selbstsicherheit und bestechender Logik Paroli bietet und sogar den lieben Gott vorführt. Doch eines Tages gibt sie ihre Antihaltung auf und verkündet ihren Eltern beim Abendessen, dass sie sich ändern wolle und eingesehen habe, dass es nicht immer nur um sie gehen könne. Sie wolle ihre Eltern nun stolz machen. Diese Ankündigung leitet eines der krassesten Finale der Filmgeschichte ein. Und der Zuschauer bleibt verstört zurück. Feinster Arthouse-Horror. Absolut empfehlenswert! Herzlich willkommen, „Excision“, im Olymp meiner Lieblingsfilme!

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: schwebender Kopf von Pauline // sämtliche Traumsequenzen // Pauline seziert toten Vogel // Pauline betet zu Gott // Pauline übergibt sich auf Sitznachbarin in der Highschool // Pauline mit Glatze // Pauline spuckt Blut // Transplantation u. v. a.

Bewertung: (8,5/10)

Donnerstag, 9. Mai 2013

Tarzan bei den Affen




Tarzan bei den Affen (OT: Tarzan of the Apes, USA 1918, Stummfilm, SW, Regie: Scott Sidney)

Handlung: Lord und Lady Greystoke werden von der britischen Königin auf eine diplomatische Mission nach Südafrika geschickt. Während der Schiffsüberfahrt kommt es zu einer Meuterei, Lord und Lady Greystoke werden mit dem Matrosen Binns in der Wildnis ausgesetzt. Der Matrose gerät in die Gefangenschaft von arabischen Sklavenhändlern. Der Lord und die Lady bauen sich im Urwald eine Hütte. Ein Jahr nach der Geburt ihres Kindes stirbt Lady Greystoke. Und auch der Lord stirbt, als er von wilden Affen angegriffen wird. Das einjährige Kind überlebt, weil eine Äffin sich seiner annimmt. Dem Matrosen Binns gelingt die Flucht vor den Sklavenhändlern. Er findet den jungen Tarzan, bringt ihm das Sprechen bei und entdeckt das Geheimnis seiner Herkunft. Binns gelingt es, nach England zurückzukehren, wo er von der Meuterei auf dem Schiff berichtet und zu verstehen gibt, dass der junge Lord noch am Leben ist. Nun startet eine Expedition, die den Sohn des Lords nach England zurückholen soll. Im Expeditionsteam ist eine junge Frau, die sich in Tarzan verliebt und bei ihm im Dschungel bleibt. 

Kritik: „Ein bemerkenswertes filmhistorisches Dokument“, urteilt das Lexikon des internationalen Films. In der Tat wird der Historiker beim Betrachten dieses Films mehr Vergnügen empfinden als der Cineast, der nur unterhalten werden will. Schon 1918 bemängelte die New York Times die „zahme, stellenweise öde Erzählweise“. Und auch das Chicago Journal lobte nach der Premiere am 27. Januar 1918 nicht etwa den Spannungsbogen oder das Drehbuch, sondern schrieb: „Es ist eine tolle Sache, all diese Affen und Löwen und Elefanten in Tarzan zu sehen.“ (Zitate aus R. M. Hahn/R. Giesen: Das neue Lexikon des Fantasy-Films, Berlin 2001). Insgesamt war die zeitgenössische Kritik dem Film gegenüber sehr wohlwollend eingestellt, und auch an der Kinokasse wurde er zum finanziellen Erfolg. Aus heutiger Sicht bedeutend ist, dass wir es mit dem ersten „Tarzan“-Film der Filmgeschichte zu tun haben und somit auch mit dem ersten Film-Tarzan. Das ist jedoch nicht Elmo Lincoln, der den erwachsenen Tarzan darstellt und der ein bisschen so aussieht wie Helmut Markwort mit Stirnband, sondern der junge Gordon Griffith, der Tarzan im Kindesalter spielt. Wie in den meisten frühen Filmen haben wir es hier mit einer hauptsächlich statischen Kamera zu tun, Kameraschwenks sind eher selten. Wer keine Stummfilme mag, wird auch diesen Film nicht mögen. Wer sich allerdings für Filmgeschichte interessiert, sollte sich diese etwa 60 Minuten gönnen. In der deutschen Fassung wurden die originalen englischen Zwischentitel beibehalten und deutsch übersprochen. Das ermöglicht ein noch entspannteres Zuschauen.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: der junge Tarzan klaut sich Kleidung von Eingeborenen // Tarzan tötet einen Gorilla // Tarzan steigt auf einen Elefanten und freut sich darüber

Bewertung: (3/10)

Sonntag, 5. Mai 2013

Primal


 

Primal (Australien 2010, Regie: Josh Reed)

Handlung: Ein Anthropologie-Student und dessen fünf Freunde fahren ins australische Outback, um sich 12000 Jahre alte Höhlenzeichnungen von Aborigines anzuschauen. Als ein Mädchen aus der Gruppe, die blonde Mel, nachts nackt in einem See badet, nimmt das Unheil seinen Lauf. Ihr ganzer Körper ist von Blutegeln übersät. Mit Salz gelingt es ihren Freunden zwar, die lästigen Parasiten zu entfernen. Doch in der Nacht bekommt sie Fieber und verwandelt sich in eine Art dämonenartigen Urmenschen mit messerscharfen Zähnen. Sie kennt nur noch die Instinkte Fressen und Territoriumverteidigen und wird für ihre Freunde zur tödlichen Gefahr...

Kritik: Dieser australische Horrorfilm bietet routinemäßig inszenierte, genretypische Kost. Das Rezept: Man nehme eine Gruppe junger Menschen, isoliere sie an einem abgelegenen Ort und konfrontiere sie mit dem absolut Bösen. Ein Überlebenskampf beginnt. Am Ende lebt meist nur noch eine, meist weibliche Person (Final-Girl). „Primal“ ist der erste Spielfilm des Regisseurs Josh Reed (insofern ist „routinemäßig inszeniert“ als Kompliment zu verstehen), und der Film funktioniert recht gut. Schnell nimmt er an Fahrt auf und lässt den Zuschauer und die Protagonisten bis zum Ende nicht mehr zur Ruhe kommen. Dabei fließt viel Blut, und nicht jeder der sechs Freunde beendet den Film in einem Stück. Krew Boylan (Mel) spielt die im wahrsten Sinne des Wortes rasende Urmenschen-Dämonin. Die Rolle verlangt ihr zwar nicht alle Facetten der Schauspielkunst ab, aber das, was sie auf die Leinwand bringt, wirkt überzeugend. Für ihre durchdringenden Schreie wurde übrigens das Gekreische diverser Tiere (u. a. Ozelot und Puma) verwendet, das man mit ihren eigenen Stimmkreationen mischte. Das ist wirklich gelungen, ebenso wie einige Kameraeinstellungen (besonders in den Nachtszenen) und ein paar nett gesetzte Schockmomente. Eine abschließende Verbeugung vor dem Klassiker „Tanz der Teufel“ wird der Genrekenner ebenfalls entdecken...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: aufgespießtes Kaninchen mit Monsterzähnen // Insekten zerfressen Autoreifen // nackte Mel mit Blutegeln // zerrissener Körper // Vergewaltigungsszene in der Höhle // „Schwangere“ schneidet sich den Bauch auf // Mels Dämonengesicht

Bewertung: (7/10)

Mittwoch, 1. Mai 2013

The Story of Film - Die Geschichte des Kinos




The Story of Film – Die Geschichte des Kinos
(OT: The Story of Film: An Odyssey, Großbritannien 2011, Regie und Drehbuch: Mark Cousins, 915 Minuten)

„Es ist an der Zeit, die Filmgeschichte, wie wir sie in unseren Köpfen haben, neu zu skizzieren. Sie ist sachlich ungenau und durch Auslassungen rassistisch.“ Die Stimme aus dem Off (im Deutschen Kinokritiker Knut Elstermann) macht uns neugierig auf 15 Stunden Filmgeschichte des nordirischen Filmkritikers Mark Cousins, die auf seinem Buch basiert, das 2004 erschien. 15 Stunden Filmgeschichte von den Anfängen bis (fast) zur Gegenwart. Schon am Anfang weist Cousins auf die wichtige Rolle hin, die Frauen in den Anfängen Hollywood spielten. In allen circa einstündigen Folgen lenkt er die Aufmerksamkeit des Zuschauers immer auch auf die Entwicklungen des asiatischen, lateinamerikanischen oder afrikanischen Films. Und das alles, ohne dabei die traditionelle Filmgeschichte zu vernachlässigen. Dass er durch diese erweiterte Perspektive zu neuen Erkenntnissen kommt, liegt auf der Hand. Einstellungen, für die Orson Welles bekannt ist und die ihm zugeschrieben werden, gab es schon vorher im japanischen Kino, so Cousins. Er behauptet so etwas nicht nur, sondern zeigt es uns auch.

„The Story of Film“ ist nicht nur eine Filmgeschichte, es ist ein Lehrwerk über Filmästhetik und Filmtheorie, das jeder Cineast in seiner privaten Sammlung stehen haben sollte. Unendlich viele Sequenzen und Szenen aus bekannten und weniger bekannten Filmen werden genauestens analysiert. Allein die Auswahl dieser Ausschnitte lässt den Filmliebhaber mit der Zunge schnalzen. Und ganz nebenbei kann man sein Filmwissen auffrischen und erfährt etwas über Parallelmontage, Perspektiven und Kameraeinstellungen, Eisensteins Montagekunst, die Bedeutung des Schnittes, eigentlich über alles, was man wissen muss, um Filme adäquat beurteilen zu können. Immer wieder zeigt uns Cousins auch Beispiele für Filmzitate, d. h. wie Szenen und Motive aus älteren Filmen in neueren Werken Verwendung finden oder als Inspirationsquelle dienten. Schauspieler(leistungen) werden gewürdigt, und in zahlreichen Interviews lernt man Stars, Filmschaffende und Kritiker und deren Ansichten kennen. Das alles begleitet und kommentiert von Filmbeispielen. Man möchte sich am liebsten eine Folge dieser Dokumentation nach der anderen ansehen. Und wenn man sich später einen Film anschaut, den auch Cousins unter die Lupe genommen hat, sieht man diesen bewusster und manchmal auch mit anderen Augen...

Die Titel der 15 Folgen lauten wie folgt: 1. „1895-1918: Die Welt entdeckt eine neue Kunstform“. 2. „1918-1928: Der Triumph des amerikanischen Films und seine ersten Rebellen.“ 3. „1918-1932. Die großen Filmrevolutionäre rund um die Welt.“ 4. „Die 1930er: Die großen amerikanischen Filmgenres und die Virtuosität des europäischen Films.“ 5. „1939-1952: Die Verwüstung durch den Krieg – und eine neue Filmsprache.“ 6. „1953-1957: Das Weltkino platzt aus allen Nähten.“ 7. „1957-1964: Der Schock des Neuen – Modernes Filmemachen in Westeuropa.“ 8. „1965-1969: Neue Wellen erobern die Welt.“ 9. „1967-1979: New American Cinema.“ 10. „1969-1979: Radikale Filmemacher in den 1970ern.“ 11. „Die 1970er und danach: Innovation in der Populärkultur.“ 12. „Die 1980er: Filmemachen und Protest in aller Welt.“ 13. „1990-1998: Die letzten Tage des Zelluloids vor der Ankunft des Digitalfilms.“ 14. „Die 1990er Jahre: Die ersten Tage des Digitalfilms – Realität verliert ihre Echtheit.“ 15. „Seit 2000: Der Film schließt den Kreis und die Zukunft des Kinos.“