Freitag, 28. Juni 2013

Cabin of the Dead




Cabin of the Dead (OT: Wither, Schweden 2012, Regie: Sonny Laguna, Tommy Wiklund)

Handlung: Das Paar Ida und Albin fährt mit einigen Freunden in eine abgelegene Hütte im Wald, um dort einen entspannten Urlaub zu verbringen. Schon auf der Fahrt dorthin wird kräftig gefeiert und getrunken. Doch etwas Grauenhaftes, das unter der Hütte sein Unwesen treibt, hat auf die unvorsichtigen Reisenden nur gewartet, die in ausgelassener Stimmung dort ankommen. Ein weibliches Mitglied der Gruppe macht im Keller als Erste mit einem bösen Dämon Bekanntschaft und verwandelt sich daraufhin selbst in eine dämonische Kreatur, die ihre Freunde angreift. Ein gnadenloser Kampf ums Überleben beginnt...

Mittwoch, 26. Juni 2013

Besessen - Der Teufel in mir



 

Besessen – Der Teufel in mir (OT: Devil Seed, Kanada 2012, Regie: Greg A. Sager)

Handlung: Alexandra kehrt gerade aus den Sommerferien zurück und wohnt wieder mit ihren Freundinnen Jessica und Breanne zusammen in einer WG. Nachdem sie am letzten Ferientag eine wilde Party gefeiert haben, lässt sich Alexandra dazu überreden, sich die Zukunft voraussagen zu lassen. Sie gehen zu einer alten Zigeunerin, die Alexandra aus der Hand liest. Doch dabei geht irgendetwas schief, Alexandra hat Visionen und fällt in Ohnmacht. Am nächsten Morgen kann sie sich an nichts erinnern. Doch bald wird klar, dass Alexandra von einem Dämon besessen ist...

Kritik: William Friedkins „Der Exorzist“ aus dem Jahre 1973, ein Schlüsselwerk des Besessenheitsfilms, rief eine Flut von Nachahmern hervor, Exorzistenfilme gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Und bei der Klasse von „Der Exorzist“ überrascht es nicht, dass kaum einer das Niveau von Friedkins Film erreicht. So auch nicht Greg A. Sagers „Besessen – Der Teufel in mir“. Der Film bewegt sich von Anfang an auf durchschnittlichen und ausgetretenen Pfaden. Natürlich sind die drei Hauptdarstellerinnen schön anzusehen, und eine Sexszene gibt es auch gleich am Anfang. Alexandras Freund Brian poppt mit Breanne, die keinerlei schlechtes Gewissen hat und sich später auch noch über die Jungfräulichkeit von Alexandra lustig macht. Man muss nicht viel Horrorfilm-Erfahrung besitzen, um zu ahnen, wer hier die Bitch ist und als Erstes ein Opfer des Dämons werden wird. „Besessen“ schleppt sich auch sonst vorhersehbar dahin ohne wirkliche Überraschungen. Sager lässt kein Klischee aus, wenn er zeigt, dass Alex von einem Dämon besessen ist: ein Fernseher geht von selbst an, das Licht von selbst aus, ein Buch liegt nicht mehr dort, wo es vorher lag, ein anderes Buch fällt aus dem Regal, ein Luftzug, ein Dämon unter der Bettdecke, Kratzer und Verletzungen am Körper, eine metallisch klingende Dämonenstimme etc. Der Regisseur plündert stark und ungeniert bei ähnlich gelagerten Genre-Produktionen, aber er plündert recht gut, was den Film letztendlich rettet und doch noch ganz erträglich werden lässt. Eine bedrohliche Stimmung durchzieht „Besessen“ über weite Strecken und er hat einige ganz gute Szenen. Wer einen echten Exorzistenfilm erwartet, wird aber enttäuscht werden, denn die Auseinandersetzung zwischen Dämon und Priester dauert nur wenige Minuten und ist nicht Hauptinhalt des Films. Es handelt sich eher um ein Horrordrama mit der Figur der Alexandra im Mittelpunkt. Kritisieren lässt sich das hektische sowie etwas konstruiert wirkende Ende des Films. Alles in allem ist „Besessen“ ein durchschnittlich unterhaltsamer Horrorfilm nach herkömmlichen Mustern und Vorbildern, dem es aber nicht gelingt, der Besessenheitsthematik neue Aspekte abzugewinnen.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Spiderwalk // Alex-Dämon schwebt im Zimmer // Alex-Dämon steht am Bett von Breanne // Alex-Dämon leckt den eigenen Urin auf

Bewertung: (5,5/10)

Montag, 24. Juni 2013

Mama


 

Mama (OT: Mama, Spanien/Kanada 2013, Regie: Andrés Muschietti)

Handlung: Infolge der Wirtschaftskrise 2008 tötet der verzweifelte Geschäftsmann Jeffrey Partner und Ehefrau. Er flieht im Auto mit seinen beiden Töchtern, der dreijährigen Victoria und ihrer einjährigen Schwester Lilly. Als er die Kontrolle über den Wagen verliert, stürzt dieser einen Abhang hinunter. Doch die drei überleben und finden Unterschlupf in einer verlassenen Hütte im Wald. Dort will Jeffrey seine Töchter umbringen und dann Selbstmord begehen. Als er mit der Pistole auf seine älteste Tochter zielt, erscheint eine Geistwesen und zieht ihn aus der Hütte. Fünf Jahre später werden die Kinder von ihrem Onkel Lucas gefunden. Sie sind in einem verwilderten und abgemagerten Zustand, bewegen sich vornehmlich auf allen vieren und sprechen nicht. Die Kinder kommen bei ihrem Onkel und dessen Partnerin Annabel unter. Ein Psychiater findet in Gesprächen mit der nun achtjährigen Victoria heraus, dass sich die Kinder einen mysteriösen Charakter eingebildet haben, so glaubt er zumindest, den sie „Mama“ nennen. Doch Mama ist keine Einbildung, sondern ein Geist, der nicht bereit ist, seine beiden Kinder einfach so herzugeben...

Kritik: Die von Guillermo del Toro produzierte und von Regisseur Andrés Muschietti erzählte Geschichte präsentiert uns einen atmosphärisch dichten Geisterhorror mit Anleihen beim Märchen und dem japanischen Geisterfilm. Ob man das nun als Hommage oder Bilderklau bezeichnet, spielt dabei für mich keine so große Rolle. Wichtig ist, dass „Mama“ durchgehend spannend ist und famose, düstere Bilder bietet. Der Film setzt zwar eher auf einen subtilen Schauer, hat aber auch einige Schockmomente, die einen regelrecht umhauen, obwohl man sie zum Teil erwartet und vorhersehen kann. Der Film hat eine visuelle Kraft, der man sich kaum entziehen kann.

Die Figuren sind inklusive aller Nebenrollen mit passenden Darstellern besetzt. Besonders gut fand ich Jessica Chastain. Die hat in ihrer Karriere für ihre guten darstellerischen Leistungen schon zahlreiche Filmpreise bis hin zu einer Oscar-Nominierung erhalten. Glaubhaft stellt sie in „Mama“ Annabel dar, die in der Geschichte eine Entwicklung durchmacht von der von Kindern genervten und im Umgang mit ihnen eher überforderten Rockröhre hin zur Mutterfigur, die am Ende so stark und gefestigt ist, dass sie in dem furiosen Finale des Films bereit ist für die ultimative Auseinandersetzung mit Mama. Überhaupt schlägt der Film schnell die Richtung ein, die auf das Ende hindeutet. Annabels Freund, der Onkel der Mädchen, liegt den halben Film lang im Koma, sodass schnell klar wird, worauf der Film hinausläuft: einen Konkurrenzkampf zweier „Mütter“ um die Kinder. Apropos Kinder: Überragend sind die beiden Mädchen Megan Charpentier (als Victoria) und Isabelle Nélisse (als Lilly). Während des gesamten Films geht von den beiden eine unheimliche Bedrohung aus, was an der Art liegt, wie sie kommunizieren und sich bewegen (besonders die jüngere der Schwestern), aber vor allem daran, dass sie sich immer wieder zu Mama hingezogen fühlen, dem Wesen, das sie großgezogen und ernährt hat. Mama dringt immer öfter in die bürgerliche Familie ein und ist für die Erwachsenen eine tödliche Gefahr, für die Kinder scheinbar nicht. 

Eine der besten Einstellungen ist eine Art „Splitscreen“ durch geschickte Mise-en-scene, die zeigt, wie Grusel im Kopf des Betrachters entsteht, ohne irgendetwas Gruseliges im Bild zu präsentieren. Die Kamera zeigt rechts im Bild die Tür zum Kinderzimmer, wo Lilly mit jemandem spielt. Sie zerrt an einer Decke, die von einer anderen Person, die man nicht sehen kann, festgehalten wird. Links im Bild sieht man den Flur, auf dem nacheinander all die Personen entlanggehen, die als Spielpartner von Lilly überhaupt infrage kommen. Wer ist aber dann mit Lilly im Zimmer?

Natürlich hat der Film auch kleine Schwächen. Manchmal erzählt er mit der Holzhammermethode, zum Beispiel als sich Annabel am Anfang des Films über das negative Ergebnis eines Schwangerschaftstest freut. Dass Kinder eigentlich so gar nicht in den Lebensentwurf von Annabel (und auch Lucas) passen, kann man auch anders darstellen, und es wird später in der Erzählung sowieso noch deutlich, zum Beispiel in den Sequenzen um den Sorgerechtsstreit. Auch andere Bilder wirken etwas redundant und überstrapaziert (wie das häufige Auftreten von Motten), und das bombastische Finale mit CGI-Unterstützung ist sicher auch nicht jedermanns Sache. Sicher wäre auch zu überlegen gewesen, Mama im letzten Drittel des Films nicht ganz so häufig ins Bild zu nehmen, dadurch verliert sie etwas von ihrem Zauber. Andererseits ist das Design der Figur so klasse, dass man sie auch nicht zu verstecken braucht. Guillermo del Toro war von dem Aussehen des Geistes regelrecht umgehauen, wie er in den Extras zum Film betont. Das wird sicher auch manchem Zuschauer so gehen.

Obwohl „Mama“ dramaturgisch aufgebaut ist wie fast jede klassische Geistergeschichte und von flackernden Lampen bis wackelnden Kronleuchtern alles bietet, was die Ghosthorror-Mottenkiste so hergibt, übt er doch eine besondere Faszination auf den Betrachter aus. Das liegt vor allem an der spannenden Geschichte, den famosen Bildern und nicht zuletzt den wirklich überragenden Kinderdarstellern. Und auch der „matriarchale Ansatz“ hat seinen Reiz, wird der Film doch getragen von weiblichen Darstellern. Die Männer sind entweder dumme, in Panik geratene Väter, im Koma oder ohnmächtig auf dem Boden liegende Onkel oder einfältige Psychiater, die nachts in den Wald rennen, obwohl sie gerade die Überzeugung gewonnen haben, dass es sich tatsächlich um einen gefährlichen Geist handeln könnte. Na gut, der Schauspieler hinter Mama ist ein zwei Meter großer dürrer Mann, aber das nur am Rande. Freunde des klassischen Geisterhorrors sollten sich diesen Film auf keinen Fall entgehen lassen.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Mama // die beiden verwilderten Mädchen in der Hütte, wie sie aussehen und sich bewegen // die kleine Lilly, die im Haus ihrer großen Schwester gekrümmt hinterherläuft, weil sie noch nicht sicher aufrecht gehen kann

Bewertung: (8,5/10)

Freitag, 21. Juni 2013

Remains of the Walking Dead





Remains of the Walking Dead (OT: Remains, USA 2011, Regie: Colin Theys)

Handlung: Nach einem nuklearen Unfall verwandelt sich der größte Teil der Weltbevölkerung in fleischfressende Zombies. Nur wenige Menschen haben überlebt, darunter eine kleine Gruppe in der Spielerstadt Reno, die sich in einem Casino verschanzt. Währenddessen werden die Zombies mit jedem Tag schneller, aggressiver und klüger... 

Kritik: „Dawn of the Dead trifft 28 Days Later“ steht auf der Rückseite des Covers. Das weckt natürlich hohe Erwartungen beim Zuschauer, die aber in keinster Weise erfüllt werden können. Mit diesen beiden Meilensteinen des Zombiegenres kann „Remains of the Walking Dead“ nicht mithalten. Es handelt sich, was die Effekte und Masken angeht, um einen solide gemachten B-Zombie-Film. Die Zombies sehen so aus, wie Zombies eben aussehen. Gelungen sind die Augen, die den lebenden Leichen etwas Dämonisches geben. Handwerklich ist der Film zwar solide gemacht, aber in allen anderen Bereichen fällt er ab. Die Handlung ist nicht der Rede wert, und die Figuren bleiben merkwürdig eindimensional und blass, bieten einem kaum Identifikationsmöglichkeiten, sodass auch Spannung nicht wirklich aufkommen mag. Dass Zombies im Stehen schlafen können, ist eine neue Idee, die aber bis auf einmal nicht weiter ausgereizt wurde. Und neu ist wohl auch, dass sich Zombies sogar gegenseitig fressen. Die Schlaueren fressen die Zurückgebliebenen, Darwin für lebende Tote sozusagen, Kannibalismus unter Zombies. Es gibt natürlich einzelne spannende Szenen und gute Schockmomente, zum Beispiel als eine der weiblichen Hauptfiguren einem schlafenden Polizisten-Zombie die Waffe zu entwenden versucht, aber insgesamt gelingt es dem Film nicht, einen echten Spannungsbogen aufzubauen. „Remains of the Living Dead“ bietet auch kaum Szenen, die man nicht schon tausendmal in ähnlichen Zombiefilmchen gesehen hat. Hinzukommt, dass einige Schauspieler ausgesprochen talentfrei agieren und die deutsche Synchro als nicht gerade gelungen bezeichnet werden muss. Empfehlenswert allenfalls für Zombie-Allesgucker.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Zombie in der Waschmaschine // Tori klaut einem schlafenden Zombie in Polizeiuniform die Pistole // Finger werden an einen Zombie verfüttert // Zombie-Oma

Bewertung: (4,5/10)

Samstag, 15. Juni 2013

Die Rückkehr des King Kong





Die Rückkehr des King Kong (OT: Kingu Kongu tai Gojira, Japan/USA 1962, Regie: Ishiro Honda)

Handlung: Das Monster Godzilla kann sich aus einem riesigen Eisberg (in dem es seit dem zweiten Godzillafilm aus dem Jahr 1955 gefangen ist) befreien und marschiert auf Tokio zu. Gleichzeitig lässt der Direktor eines Pharmaunternehmens King Kong zu Werbezwecken auf seiner einsamen Insel aufspüren und nach Japan bringen. Natürlich kann sich der an ein Riesenfloß gefesselte King Kong irgendwann befreien und es kommt wie es kommen muss. Die beiden Giganten zerlegen halb Japan und treffen irgendwann mit Wucht aufeinander...

Kritik: In diesem dritten Godzillafilm (dem zweiten von Regisseur Ishiro Honda) werden King Kong und das japanische Monster zum ersten Mal in der Filmgeschichte in Farbe präsentiert. Willis O'Brien, Pionier der Stop-Motion-Technik und maßgeblich am Erfolg des Klassiker „King Kong und die weiße Frau“ (1933) beteiligt, schrieb 1961 ein Drehbuch zu einem erneuten King-Kong-Film mit dem Tiel „King Kong vs. Frankenstein“, das jedoch bei Produzenten und Filmemachern auf keine große Resonanz stieß. Über Umwege und ohne das Wissen von O'Brien gelangte das Drehbuch in die Hände der japanischen Toho-Studios. Diese bauten ihre erfolgreiche Godzillafigur ein, und so entstand ein Film, der in gewissem Sinne gleichzeitig ein King-Kong- und ein Godzillasequel ist. Mit 11,2 Millionen Besuchern bei der Erstaufführung ist „Die Rückkehr des King Kong“ bis heute der erfolgreichste aller japanischen Godzillafilme.

Seit dem ersten Godzillafilm von 1954 arbeiteten die Japaner hauptsächlich mit dem sogenannten Suitmation-Verfahren, das heißt, dass Schauspieler in Monsterkostümen (suit: Anzug, Kostüm) durch extra aufgebaute Modelle von Miniaturlandschaften stampfen und dort ihrer Zerstörungswut nachgehen können. Insofern ist dieser Film die Suitmation-Premiere von King-Kong. Nur ganz selten arbeiteten die Japaner mit der Stop-Motion-Technik. Es ist das Suitmation-Verfahren, das den japanischen Monsterfilmen aus dieser Zeit einen besonderen Charme verleiht. Man erkennt unschwer die Modelle der Hochhäuser, Autos, Panzer, Landschaften, und auch die Kostüme, in denen die Schauspieler stecken, sind nicht immer von ausgezeichneter Qualität. In „Die Rückkehr des King Kong“ ist das King-Kong-Kostüm, besonders der Kopf, nicht gerade sehr gut gelungen. Trotzdem üben die Bilder dieser Filme auf den Betrachter eine große Faszination aus. Einige aus heutiger Sicht schlechte Aufnahmen wechseln sich immer wieder ab mit Bildern voller Erhabenheit.

Die „Rückkehr des King Kong“ ist in der sogenannten „Kaiju Classics“-Reihe der Firma Anolis erschienen (jap. Kaiju = Riesenmonster), und man kann Anolis zu ihrer wundervollen Edition nur beglückwünschen. Ich habe mich regelrecht verliebt in diese Serie und mir gleich all die Filme der „Kaiju Classics“-Reihe geholt, die noch zu einem einigermaßen vertretbaren Preis zu bekommen waren. Es sind halt begehrte Sammlerstücke. Die Filme befinden sich in einem Metalpak mit tollen Motiven und enthalten Booklets und viele Extras (Audiokommentare von Monsterfilm-Kenner Jörg Buttgereit u.a., Filmfassungen aus verschiedenen Ländern etc). In „Die Rückkehr des King Kong“ befinden sich Super-8-Fassungen, die deutsche Fassung, die US-Fassung und die japanische Original-Fassung mit deutschen Untertiteln. Wer etwas über Filmgeschichte und den damaligen Umgang mit Film lernen möchte, sollte sich unbedingt die drei Fassungen anschauen und dazu noch die US-Fassung mit den wirklich interessanten Kommentaren von Jörg Buttgereit und Bodo Traber. Dieser Film ist ein Beispiel für die „Amerikanisierung“ ausländischer, insbesondere japanischer Filme. Der Original-Film wurde „bearbeitet“, weil man glaubte, dass er sich so in den USA besser vermarkten ließ. Szenen mit amerikanischen Schauspielern wurden in den Film hineingeschnitten, und sogar die Filmmusik wurde ausgetauscht, was man bei diesem Film als besondere Sünde betrachten muss. Die hervorragende Musik von Akira Ifukube wurde ersetzt unter anderem durch Musik aus dem Film „Der Schrecken vom Amazonas“ von Jack Arnold. Unfassbar! Allein schon deswegen lohnt sich die japanische Originalfassung. Der stark satirische und komödiantische Duktus der japanischen Fassung wurde in den USA abgeschwächt, um mehr Ernsthaftigkeit zu erzeugen. Da die deutsche Fassung auf der geschnittenen US-Fassung beruht und ebenfalls noch mal bearbeitet wurde, sieht es so aus, dass die deutsche Fassung die kürzeste ist und die japanische die längste. Wer sich den Film nur einmal anschauen will, dem empfehle ich die japanische Fassung.

Für diesen Film gilt das, was für alle japanischen Godzilla- und Monsterfilme gilt: Man muss sie mögen. Es sind zum Teil sehr schnell und billig produzierte Werke, und die Effekte changieren zwischen grandios und lächerlich. Heute genießen sie bei vielen Fans Kultstatus. Über den Subtext dieser Filme ist schon viel geschrieben worden. Das Nationalmonster Godzilla und ähnliche Geschöpfe konnten nur in Japan entstehen, dem Land, das als einziges und hoffentlich letztes in der Geschichte der Menschheit den Abwurf zweier Atombomben auf sein Territorium erleben musste. Godzilla ist die Atombombe in Monstergestalt. In den ersten Godzillafilmen stand das Monster für die absolute, existenzielle Bedrohung Japans, später fand fast schon eine Domestizierung statt, und Godzilla rettete nicht selten Japan vor der Bedrohung durch andere Monster oder Außerirdische. Wenn man Godzilla als Monster gewordenes Symbol für Atombombe und Atomenergie im Allgemeinen betrachtet, wofür einiges spricht, dann läuft die Entwicklung dieses Monsters parallel mit der Entwicklung, die die Atomkraft in Japan genommen hat. Von der anfänglichen existenziellen Bedrohung hin zur friedlichen Koexistenz (Atomkraftwerke). Godzillafilme sind ein Stück japanische Kulturgeschichte.

Bei den Recherchen zu dieser Besprechung bin ich auf einen Artikel von Jörg Buttgereit in der Zeit.online gestoßen. Er schrieb dort: „Als soziopolitische Metapher geben Japans Filmmonster bis heute einen tiefen Einblick in die japanische Kultur. Denn egal, welche Bestien ihr Unwesen treiben, egal, was die Kaiju anrichten, zertrampeln und explodieren lassen: Anders als im amerikanischen Kino wird das stets übermächtige Monster am Ende nicht umgebracht. Vielmehr strebt man die mehr oder weniger friedliche Koexistenz an. Wer die Duldsamkeit und Ruhe der Japaner im Umgang mit der gegenwärtigen Katastrophe (Fukushima, FraSchei) begreifen will, sollte sich die Monsterfilme dieses Landes anschauen.“ Das ist auch meine Empfehlung...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: King Kong fliegt an Ballons befestigt und von Hubschraubern gezogen durch die Luft // Godzilla nimmt einen Zug auseinander // Kampf zwischen King Kong und Godzilla // King Kong kämpft mit einem Oktopus // King Kong stopft Godzilla das Maul mit einem herausgerissenen Baum

Bewertung: (7/10)

Dienstag, 11. Juni 2013

Terrorkino. Angst/Lust und Körperhorror



 

Marcus Stiglegger: Terrorkino. Angst/Lust und Körperhorror, Berlin 2010

Dr. Marcus Stiglegger dürfte vielen Fans des Horrorfilms durch seine Bücher, Zeitschriftenaufsätze und Audio-Kommentare bekannt sein. Seine Verdienste um das Genre sind unumstritten, doch mit dieser Publikation hat er sich wahrlich keinen Gefallen getan. Aufgabe des Buches „Terrorkino. Angst/Lust und Körperhorror“ soll es sein, „jene als 'torture porn' inkriminierte Tendenz des US-amerikanischen und internationalen Kinos ernsthaft zu analysieren“ (S. 17) und die Reflexion gesellschaftlicher Wirklichkeit, die sich in Filmen wie „Hostel“, „Saw“, „American Crime“ etc. abzeichnet, „in ihrer ganzen Konsequenz zu untersuchen“ (S.17). Man ahnt schon, dass diese hehren Ziele in einem so kurzen, zur Buchform aufgeblähten Aufsatz kaum erreicht werden können.

In aller Ausführlichkeit beschreibt er im ersten Kapitel einen realen Mordfall in den USA, der Grundlage für den Film „An American Crime“ war (was aber bereits den meistens Fans schon vorher bekannt gewesen sein dürfte) und der wohl verdeutlichen soll, dass auch in der Realität im bürgerlichen Milieu Aggression, Bestialität und Folterpotenzial schlummern. Doch das ist nicht neu, ebensowenig wie es neu ist, dass Horrorfilme schon immer das politische und gesellschaftliche Geschehen und die Ängste der Zeitgenossen aufnahmen, spiegelten und modifizierten. Das war in Folge des Vietnamkrieges so, und auch die Folterhorrorfilme wie „Hostel“ & Co. sind im Grunde logische Konsequenz von 9/11. Der moderne Horrorfilm sei, so Stiglegger, Reflexion gesellschaftlicher Wirklichkeit, der Körper nach 2001 durch Terror, Krieg und Folterskandale in seiner Versehrbarheit deutlich ins Zentrum der Wahrnehmbarkeit der Öffentlichkeit gerückt. „Auch bizarre Ereignisse wie die Taten des pädophilen Killers Marc Dutroux in Belgien, die jahrelange Gefangenschaft von Natascha Kampusch und der Fritzl-Familie in Österreich sowie der 'Kannibalenmord' von Rothenburg reizten die abgründige Phantasie von Publikum und Filmemachern gleichermaßen“, so Stiglegger (S. 95 f.). Der Autor behauptet diesen Zusammenhang, der wahrscheinlich sogar stimmt, einfach, und das nicht als Erster. Aber das war es dann auch schon. Der Anspruch, die Reflexion gesellschaftlicher Wirklichkeit „in ihrer ganzen Konsequenz zu untersuchen“, wird nicht annähernd eingelöst.

Die Passagen des Buches, in denen Stiglegger versucht zu erklären, warum Menschen sich Terrorfilme überhaupt anschauen, werden ebenso oberflächlich abgehandelt, kaum Hinweise auf Rezeptionsforschung und Ähnliches. Stiglegger behauptet einfach, ohne zu belegen. Er unterstellt eine Art sadomasochistisches Verhältnis zwischen Film und Zuschauer, verweist darauf, dass sich der Rezipient sowohl mit Täter als auch mit Opfer identifizieren und daraus Vergnügen ziehen könne, er spricht von einer seduktiven (verführerischen) Wirkungsmächtigkeit des Terrorfilms etc. etc. Nichts Neues eigentlich. Sein geschichtlicher Überblick („Die Genese des Terrors“) ist eine lieblose Aneinanderreihung von Filmtiteln, die noch dazu durch ihre Häufigkeit und Versalschreibung über Seiten hinweg für ein unruhiges Schriftbild sorgen.

Das ganze Buch kommt einem vor wie alter Wein in neuen Schläuchen. Die Schläuche sind dann die neuen Begriffe, mit denen er bisweilen arbeitet. Die modernen Horrorfilme seit Anfang der 60er-Jahre bezeichnet Stiglegger als „Terrorfilme“, ein Subgenre „zwischen Horrorfilm und Thriller“ (S. 56). Auch mit diesem Begriff habe ich meine Probleme. Ich fände es weniger verwirrend, wenn er nur Filme wie „Hostel“ und „Saw“ als „Terrorfilme“ bezeichnet, also die Folterfilme, die ab Anfang des 21. Jahrhunderts entstanden sind. Doch auch das ist problematisch. Der Begriff Terror ist im allgemeinen Sprachgebrauch zu sehr mit Attentaten und Bombenexplosionen, also Terroranschlägen konnotiert. Ich glaube nicht, dass sich der Begriff, außer im akademischen Diskurs, durchsetzen wird und Sinn macht. Kaum vorstellbar, dass man aus der Videothek nach Hause kommt und seiner Partnerin/Freunden erzählt, dass man sich einen „Terrorfilm“ ausgeliehen habe. Geht es da um einen Anschlag auf die USA oder um durchgeschnittene Achillesfersen? Als Begriff für ein Genre oder Subgenre taugt Terrorfilm meiner Meinung nach nicht, zumindest bringt er keine wirklichen Verbesserungen gegenüber Einordnungen wie Slasherfilm, Folterhorror, Backwood-Horror etc. Abgesehen davon umfasst Stigleggers Begriff des „Terrorfilms“ eine Gruppe von Filmen ab 1974 („The Texas Chain Saw Massacre“), die einige Vorboten in den 60er-Jahren hatten, bis in die Gegenwart. Und hier hat er neben dem Problem der semantischen Zweideutigkeit ein Problem, das viele Genrebegriffe haben, nämlich zahlreiche unterschiedliche Filme unter einen Hut zu bringen.

Am interessantesten fand ich noch Stigleggers zivilisationskitischen Ansatz, der postuliert, dass „mit der voranschreitenden Virtualisierung des Alltagslebens in den westlichen Industriestaaten eine weitgehende Entfremdung vom Körper eingesetzt (habe), der im 'torture porn' symbolisch zurückerobert wird“ (S. 96). Nachvollziehbar und wichtig ist auch der Hinweis auf den Zusammenhang von Horrorfilm/Terrorfilm und einem immer unmenschlicher werdenden Kapitalismus, der letztendlich sogar den Menschen und seinen Körper nur noch im Hinblick auf die Nützlichkeit für Markt und Produktion definiert. Das Terrorkino spiegele „den realen Horror eines (neoliberal entfesselten) Kapitalismus, dessen destruktiver Endpunkt die totale und willkürliche Verfügungsgewalt über die in Waren verwandelten Menschen ist“ (S. 98). Diesen Aspekt sollten auch die Zensoren aller Länder bedenken. Die Welt ist nicht so brutal, weil Horrorfilme zu Gewalt anregen, sondern Horrorfilme spiegeln nur die zunehmend brutaler werdende reale Welt. Da hilft Zensur von Kunstwerken gar nichts! 

Der Hauptgrund, weswegen ich aber von diesem „Buch“ eher abrate, ist das miserable Preis-Leistungs-Verhältnis. Hier wurde aus einem gefühlten 20-Seiten-Aufsatz (wenn ich Typografie und Format von wissenschaftlichen Zeitschriften oder Aufsatzbänden zugrunde lege) ein Buch gezaubert, für das der Verlag sage und schreibe 9,90 Euro (in Worten: neun Euro neunzig) verlangt. Das Buch hat in etwa die Maße eines Reclam-Heftchens. Das allein wäre ja nicht so schlimm. Damit man aber auf rund 92 Seiten kommt, wurde die Schrift in einer Punktgröße gesetzt, die mich an Bücher für Sehbehinderte mit Großbuchstaben erinnert. Eine Seite besteht aus 26 Zeilen à circa 40 bis 45 Anschlägen. Hätte man die Schriftgröße eines durchschnittlichen Reclam-Heftchens benutzt, wäre wohl kaum ein 50-Seiten-„Buch“ herausgekommen. Und wenn man dann noch die vielen Bilder abzieht... Weil rund 50 doppelseitig bedruckte Seiten immer noch nicht viel hermachen, hat man so ziemlich das dickste Papier genommen, das bei der Größe des Buches noch zu verwenden war. So kommt man dann auf circa einen Zentimeter Dicke. Ist eigentlich juristisch festgelegt, wann man von „Buch“ und wann von „Heftchen“ sprechen muss? In Anlehnung an die oben zitierten Worte Stigleggers spiegelt das Buch meiner Meinung nach den realen Horror eines (neoliberal entfesselten) Kapitalismus, dessen destruktiver Endpunkt die totale und willkürliche Verfügungsgewalt von Verlagen und Autoren über die Definition des Wortes Buch ist. Gäbe es in Analogie zu Foodwatch ein Bookwatch, so ginge der goldene Windbeutel an Verlag und Autor von „Terrorkino. Angst/Lust und Körperhorror“. Zumindest, wenn es nach mir ginge... Marcus Stiglegger, das können Sie besser! Oder brauchten Sie das Geld?

Montag, 10. Juni 2013

Painless





Painless (OT: Insensibles, Spanien/Frankreich/Portugal 2012, Regie: Juan Carlos Medina)

Handlung: Die Handlung dieses Films spielt sich auf zwei zeitlichen Ebenen ab. Im Spanien der Gegenwart erleben wir die Geschichte des Chirurgen David. Nach einem Autounfall, bei dem er seine hochschwangere Frau verliert, erfährt David, dass er an Lymphdrüsenkrebs leidet. Er benötigt dringend eine zu hundert Prozent passende Knochenmarkspende. Also wendet er sich an seine Eltern und bittet sie um Hilfe. Er erfährt, dass seine Eltern nicht seine biologischen Eltern sind. Nun macht er sich auf die Suche nach seinen wahren Eltern. Der zweite Handlungsstrang beginnt Anfang der 30er-Jahre in Spanien und zieht sich über mehrere Jahrzehnte der Franco-Diktatur hin. Eine Gruppe von Kindern, die kein Schmerzempfinden haben, wird in einem zu einem Sanatorium umfunktionierten Zuchthaus interniert. Sie vegetieren in Einzelzellen vor sich hin, weil sie für sich und andere eine Gefahr darstellen. Der kleine Junge Benigno ist einer von ihnen. Sein Schicksal ist auf verheerende Weise mit dem des Arztes David verknüpft...

Kritik: Der Film beginnt mit einer Szene im Wald. Ein Mädchen steht an einem Feuer. Ihr Unterarm brennt, doch sie verzieht keine Miene. Ein weiteres Mädchen kommt hinzu, will das faszinierende Spiel auch probieren und verbrennt. Das erste Mädchen gehört zu einer Handvoll Kindern mit Gendefekt, die keine Schmerzen spüren können. Dorfgesellschaft und Kirchenobere beschließen, diese gefährlichen Kinder wegzusperren und zu isolieren, weil sie eine Gefahr für andere darstellen. Hier deutet sich im Kleinen bereits an, was sich in den nächsten Jahren in Spanien zutragen wird. Die Etablierung einer faschistischen Diktatur, die, mit Unterstützung des Katholizismus und einer intoleranten, verängstigten Gesellschaft keinerlei abweichendes Verhalten toleriert. Dabei zeigt eine Episode, dass den Kindern durchaus hätte geholfen werden können. Ein Spezialist aus Deutschland, ein Jude, hat mit ihnen eine Therapie angefangen, doch in den Wirren des spanischen Bürgerkriegs ist eine weitere Behandlung der Kinder nicht mehr möglich. Als Zuschauer nehmen wir teil am Schicksal von Benigno, der Jahrzehnte in der Zelle überlebt und sich vom kleinen Jungen durch die gesellschaftlichen Umstände zu einem wahren Monster entwickelt... Auf der anderen Erzählebene muss sich der Arzt David bei der Suche nach seinen biologischen Eltern einer unrühmlichen Familienhistorie stellen. Sein Weg führt ihn in jenes Zuchthaus, in dem Benigno sein gesamtes Leben fristete.

Gekonnt führt Juan Carlos Medina die zwei Handlungsstränge zusammen. Medinas Abrechnung mit der unrühmlichen Geschichte Spaniens steht in einer Reihe mit Guillermo del Toros hervorragenden Filmen „The Devil's Backbone“ und „Pan's Labyrinth“. Auch diese beiden Filme sind eine Auseinandersetzung mit der Franco-Diktatur anhand des Schicksals von Kindern und bedienen sich der Stilmittel von Horrorfilm und fantastischem Film. Juan Carlos Medinas Film hätte also auch Guillermo del Toro gut zu Gesicht gestanden, dessen letzter Teil seiner „Spanischen Trilogie“ ja noch aussteht. „Painless“ ist solide erzählt und man will, auf beiden Handlungsebenen, immer wissen, was als Nächstes passiert. Als Zuschauer ahnt man zwar schon sehr bald, welche Richtung „Painless“ einschlagen könnte, aber man verliert dennoch nie das Interesse. Zum Ende hin wird der Film immer fantastischer, einige Fragen und Logiklöcher bleiben. Doch das schadet kaum, übt „Painless“ doch eine dermaßen starke erzählerische Sogwirkung und Faszination aus, dass man sogar über das von viel Pathos getragene Ende hinwegzusehen bereit ist. „Painless“ endet, wie er angefangen hat: mit Feuer. Hier behandelt der Film noch einmal dezidiert in symbolischer Form den Aspekt von Kontinuität (Augen) und Diskontinuität (Tod in den Flammen), von persönlicher und politischer Geschichte.

Wer einen üblichen Horrorfilm sehen will, der einem Schockmomente und Angstlust am Fließband beschert, sollte zu einem anderen Werk greifen. „Painless“ ist ein ruhig erzählter Film mit einer sehr interessanten, düsteren Geschichte und Atmosphäre. Story und Bilder gehen unter die Haut und wirken noch lange nach. Medinas Film ist all denen zu empfehlen, die auch den zwei hier erwähnten Filmen von Guillermo del Toro etwas abgewinnen konnten und für die das Wort Anspruch nichts Abschreckendes hat. Ich bin gespannt, was wir von dem Regisseuer Juan Carlos Medina noch zu erwarten haben. Der Anfang war schon mal grandios.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: der Autounfall // brennende Mädchen // sich selbst verletztende Kinder // einem Welpen wird von Benigno eine Niere entnommen // Benigno als zorniges Kind // Benigno als Erwachsener und Greis // das feurige Ende

Bewertung: (8,5/10)

Samstag, 8. Juni 2013

The Awakening





The Awakening (OT: The Awakening, Großbritannien 2011, Regie: Nick Murphy)

Handlung: England 1921: Eine Million Menschen haben durch Spanische Grippe und Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren, Verlust und Trauer überziehen das Land. Es ist eine gute Zeit für Geister, Séancen haben Hochkonjunktur. Doch die emanzipierte Florence Cathcart (Rebecca Hall) hat es sich zur Aufgabe gemacht, falsche Geistererscheinungen, betrügerische Medien und Scharlatane zu entlarven. Sie beherrscht ihr Handwerk, mit technischen Hilfmitteln und gesundem Menschenverstand überführt sie die Betrüger. Außerdem hat sie ein Buch zu dem Thema geschrieben, das ein Bestseller wurde. Dadurch aufmerksam geworden, steht eines Tages Internatsleiter und Geschichtslehrer Robert Mallory (Dominic West) vor ihrer Tür. Er bittet Florence, mit ihm in sein Internat zu kommen, wo gerade ein Schüler gestorben ist, der behauptet hatte, einen Geist gesehen zu haben. Als Beweis zeigt Mallory einige Fotos von Schulklassen, auf denen immer derselbe Junge unscharf und verschwommen zu sehen ist. Florence glaubt ihm zwar nicht, spricht von Doppelbelichtungen, lässt sich aber letztendlich doch dazu überreden, mit Mallory mitzukommen und die Phänomene an der Schule zu untersuchen. Sie baut ihre technischen Apparaturen auf und kann tatsächlich einen Schüler überführen, der sich einen Streich erlaubt hat. Doch dann passieren ungewöhnliche Dinge, und Florence fängt langsam an, an ihrem rationalistischen Weltbild zu zweifeln...

Kritik: „The Awakening“ ist ein klassischer Gruselfilm mit wenigen, aber gut gesetzten Schockmomenten. Trotz eines furiosen Anfangs, in dem die Geisterjägerin Florene in Zusammenarbeit mit der Polizei eine Séance sprengt, lässt sich der Film im weiteren Verlauf Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Die im Geist des Rationalismus erzogene, emanzipierte, rauchende Florence Cathcart wird dabei von der außenstehenden kritischen Beobachterin immer mehr zum Teil der Geschichte, die sich letztendlich als ihre eigene Geschichte entpuppt. Die britische Schauspielerin Rebecca Hall fasziniert nicht nur durch ihr Aussehen und ihre rehbraunen Augen, sondern sie spielt die Rolle intensiv und gekonnt. Ihre Figur Florence macht während des Films eine Entwicklung durch von der selbstsicheren Geisterjägerin hin zur verletzlichen, zweifelnden und ihren eigenen Sinnen nicht mehr trauenden, liebesbedürftigen Frau. Die Darstellung der Florence Cathcart brachte Rebecca Hall immerhin eine Nominierung für den British Independent Film Award als beste Schauspielerin ein. Und das zu Recht.

Der auf Blutfontänen und ähnliche Gore-Effekte völlig verzichtende Film ist das absolute Gegenteil des modernen Folterhorrors. Er überzeugt durch stimmungsvolle Settings und schaurige Atmosphäre. „The Awakening“ hat eine fast monochrom wirkende, herbstliche Anmutung. Grau-, Gelb- und Brauntöne dominieren die Farbgebung. Überhaupt liegt eine Stärke des Films im visuellen Bereich. Die Kamera zeigt uns in langen, ruhigen Einstellungen ganz genau, was passiert. Diese langen Einstellungen lassen die wenigen, aber guten Schockmomente umso intensiver wirken. Als Florence ein Bad nimmt, zeigt uns die Kamera rund 50 Sekunden lang ohne Schnitt das Gesicht der Protagonistin, schwenkt kurz weg, um dann wieder das Gesicht zu zeigen. Über zwei Minuten von Tarkowskij'scher Intensität. Besonders gruselig ist eine Puppenhausszene. Florence schaut in ein Puppenhaus und sieht in verschiedenen Räumen mit gesichtslosen kleinen Puppen Szenen nachgestellt, die an das erinnern, was in dem Film bis dahin passiert ist. In einem Raum sieht sie eine Figur, die ebenfalls in ein Puppenhaus blickt (sich selbst?). Hinter der Figur steht jemand... Und auch eine kleine Kamera scheint es im Puppenhaus zu geben, denn wir sehen im Gegenschnitt, aus dem Inneren des Puppenhauses aufgenommen, wie Florence durchs Fenster ins Puppenhaus hineinblickt. Diese Sequenz erinnert an ähnliche Szenen in „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ und Monsterfilme, in denen die Bestien von außen in Zimmer blicken...

„The Awakening“ ist ein dramaturgisch gut aufgebauter, stilsicher und spannend inszenierter Geisterfilm mit überraschenden Wendungen und eindrucksvollen Bildern. Für mich einer der besten Grusler der letzten Jahre...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Florence schaut ins Puppenhaus // Kissengesicht // verzerrtes Gesicht des Geistes // Spiegelung im Wasser

Bewertung: (8/10)

Donnerstag, 6. Juni 2013

Bloodline - Der Killer



 

Bloodline – Der Killer (OT: Bloodline, Italien 2011, Regie: Edo Tagliavini)

Handlung: Sandra und ihr Kameramann Marco arbeiten bei einem Web-TV-Sender. Bei einer Undercover-Recherche über Drogendealer fliegen sie auf und verlieren noch dazu die Kamera. Ihre Chefin gibt ihnen noch eine letzte Chance: Sie sollen einen Hintergrundbericht über einen Pornofilm-Dreh liefern. Doch die Sache hat einen Haken. Der Film wird genau an jenem Ort gedreht, an dem Sandras Schwester Julia 15 Jahre zuvor von einem Serienkiller, den die Medien nur „Der Chirurg“ nennen, ermordet wurde. Sandra und Marco entscheiden sich trotzdem, den Auftrag anzunehmen. Doch die Geister der Vergangenheit ruhen nicht. Der Chirurg, oder ein Nachahmer, schlagen wieder zu...

Kritik: In den ersten Minuten des Films wird gezeigt, wie die beiden Schwestern Julia und Sandra als Kinder im Wald dem Chirurgen begegnen und wie es dazu kommt, dass ihm Julia zum Opfer fällt. Diese Anfangssequenzen sind die stärksten des Films, und der Zuschauer kann zu diesem Zeitpunkt noch hoffen, dass ihn, ganz im Sinne der hervorragenden italienischen Genretradition, ein Film erwartet, der irgendwo zwischen Giallo-Thriller und Fulci-/Argento-Horror angesiedelt ist. Und der erste Schock lässt dann in der Tat nicht lange auf sich warten. Die deutsche Synchronisation! Sie ist unterirdisch. Anscheinend völlig talentfreie Sprecher sagen grausam ihre Sätze auf. Das kann man nun nicht den italienischen Filmemachern anlasten. Aber alles andere!

Drehbuch, Story und Machart des Films vermitteln den Eindruck, als habe sich eine Gruppe filmunerfahrener Teenager in trauter Runde zusammengesetzt, vielleicht leicht alkoholisiert, und beschlossen, einen Horrorfilm zu drehen. Jeder durfte mal was sagen, eine Idee einbringen. Und jede Idee musste auch ins Drehbuch, damit die Harmonie unter den Freunden nicht leidet. Ein Horrorfilm? Aha. Wir brauchen einen Serienkiller, aber Geister und Zombies sollten auch drin vorkommen. Sind nicht gerade diese Torture-Porn-Filme modern? Dann brauchen wir auch Amputationen und Organentnahmen am lebenden Körper, klar. Snuff-Videos? Ja, das Thema wäre auch nicht schlecht...

So taucht dann irgendwann der Geist der toten Julia auf, der die Schwester vor dem Serienkiller mit Spritzenpistole beschützen will. Das kann er aber nur, wenn er tote Körper findet, in die er hineinfahren kann. Gut, dass der Chirurg gerade wieder gemordet hat. Die so entstandenen „Zombies“ können leider nicht reden, sodass niemand den guten Willen Julias hinter dem Zombiegemetzel versteht. Denn nur sie weiß, wer der Chirurg wirklich ist. Wenn das alles handwerklich und schauspielerisch wenigstens noch gut präsentiert worden wäre, hätte man sagen können: Das ist eine gelungene Horrorfilm-Parodie, der Film hat Spaß gemacht. Hat er aber nicht. Der Film will zudem wohl keine Parodie sein, er wird beworben mit „Toll gemachte Gore-Szenen...“ und „Fühlt sich an, wie in den guten alten 80er Jahren gemacht“. Herausgekommen ist eher uninspiriertes Tuttifrutti. Kamera, Dialoge und Atmosphäre erinnern phasenweise an Telenovelas im Nachmittagsprogramm, und die Nachtaufnahmen sind technisch gruselig. Wenn es denn mal zur Sache geht, so actionmäßig, dann hat ihre Stunde geschlagen, die Stunde der... Wackelkamera! Wenn sie zumindest glaubhaft die Bewegungen einer laufenden Person imitieren oder sonstige Erschütterungen abbilden würde, nein, die Kamera wird hektisch und relativ unmotiviert von rechts nach links, von oben nach unten geschwenkt - und umgekehrt. Dann kommen noch schnelle Schnitte hinzu, und schon hat man wieder viele Zuschauer verärgert.

Atmosphärisch gelungen sind einige Szenen trotzdem: der Biss des Zombies in den Hals, die Forke im Gesicht einer jungen Frau, der mit einem Messer getötete Zombie, einige Organentnahmen, der amputierte Marco. Und das Ende ist fast schon wieder gut. Doch das reicht nicht, ist zu wenig, um den Zuschauer mit dem Film zu versöhnen. Das ist meine Meinung, andere mögen es anders sehen...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: der Chirurg mit seiner Spritzenpistole // der Geist Julias // Forke im Gesicht // Sandra mit Narben im Gesicht, nachdem ihre Schwester in sie gefahren ist // amputierter Marco

Bewertung: (1/10)

Dienstag, 4. Juni 2013

Rites of Spring


 

Rites of Spring (OT: Rites of Spring, USA 2011, Regie: Padraig Reynolds)

Handlung: Die zwei Freundinnen Rachel und Alyssa werden von einem Fremden überwältigt und wachen gefesselt in einer Scheune wieder auf. Der alte Mann treibt seine Spielchen mit den beiden, zapft Alyssa Blut ab, setzt ihr eine Art Kuhmaske auf den Kopf, zieht sie aus, wäscht sie. Die beiden Mädels spielen die Hauptrolle in einem Ernteritual, ihre Köpfe sollen an ein okkultes Wesen verfüttert werden. Rachel gelingt es, sich zu befreien und den alten Mann zu überwältigen. In dem Moment taucht das Wesen auf, und Rachel läuft um ihr Leben... Zur gleichen Zeit entführen zwei Männer und eine Frau die Tochter eines reichen Industriellen, um von ihm zwei Millionen Dollar zu erpressen. Die Geldübergabe findet in einem alten Gebäude etwas außerhalb statt. Genau in das Gebäude flüchtet sich Rachel vor dem Monster und platzt mitten in die Geldübergabe...

Kritik: „Rites of Spring“ ist eine interessante Mischung aus klassischem Horrorfilm und (Entführungs-)Thriller. Die zwei an sich schon spannenden Handlungsstränge werden nach circa 50 Minuten zusammengeführt, als das Erntemonster „Wormface“ in der verlassenen Schule auf die Entführer trifft. Und dann nimmt der Film noch mal richtig Fahrt auf, das Entführungsthema stirbt ebenso schnell wie die meisten Figuren, und der Film bewegt sich in der letzten halben Stunde in den Bahnen eines klassischen Slashers. Der Regisseur Padraig Reynolds spielt in seinem Langfilm-Debüt gekonnt mit den klassischen Stilmitteln des Horrorfilms. Mal sieht der Zuschauer den Killer in weiter Ferne im Hintergrund, dann wieder huscht urplötzlich ein Schatten direkt vor der Kamera vorbei. Inhaltlich überrascht der Film mit einigen unerwarteten Wendungen. Der Regisseur beherrscht sein Handwerk, die Mischung aus Backwoods-Horror, Torture-Porn, Slasher und Thriller funktioniert prima. „Wormface“ (erinnert stark an das Monster aus „Jeepers Creepers“), das es vornehmlich auf Köpfe abgesehen hat, beherrscht sein Handwerk, nämlich das Abtrennen selbiger, ebenfalls ausgesprochen gut. Alles in allem ein unterhaltsamer Horrorfilm, der auf den ersten Blick viel von ähnlichen Werken geklaut zu haben scheint. Doch die entstandene Mischung aus den Genre-Versatzstücken macht den Film auf seine Art unverwechselbar. Man darf gespannt sein, ob es eine Fortsetzung geben wird. Das Ende jedenfalls deutet darauf hin...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: nackte, gefesselte Frau mit Kuhmaske // Monster köpft das Kindermädchen // das „Nest“ unter der Erde // „Wormface“

Bewertung: (6,5/10)

Montag, 3. Juni 2013

The Ghostmaker





The Ghostmaker (OT: Box of Shadows, USA 2011, Regie: Mauro Borrelli)

Handlung: College-Student Kyle arbeitet nebenbei als Entrümpler. Eines Tages überlässt ihm eine alte Frau einen Sarg und bittet Kyle, den Sarg zu entsorgen. Doch der Student hält sich nicht an sein Versprechen und nimmt den Sarg mit zu sich nach Hause. Zusammen mit zwei Freunden kommt er hinter das Geheimnis des Sarkophags, in dem sich ein komplizierter Zahnradmechanismus mit Spieluhr befindet. Es handelt sich um eine „Geistmaschine“ aus dem 15. Jahrhundert. Wird die Spieluhr einmal in Gang gesetzt, kann derjenige, der im Sarg liegt, seine sterbliche Hülle verlassen und als unsichtbarer Geist umherlaufen. Die Freunde probieren nacheinander den Sarg aus. Besonders Kyle und sein querschnittsgelähmter Mitbewohner Sutton sind fasziniert von den Möglichkeiten, die sich auftun...

Kritik: Dieser kleine, feine Gruselfilm ist im Grunde eine Mischung aus „Flatliners – Heute ist ein schöner Tag zum Sterben“ und diversen Verfilmungen des Romans „Der Unsichtbare“ von H. G. Wells. Die Thematik von „Flatliners“, die Nahtod-Erfahrung und das Überschreiten der Grenze von Leben und Tod, ist hier jedoch von untergeordneter Bedeutung, nur Ausgangspunkt der Handlung. Die drei Freunde, die in „The Ghostmaker“ den Sarg benutzen, haben zwar Visionen von einem dunklen Wesen mit schwarzem Umhang und Zahnrädern im Gesicht. Doch dieses dunkle Wesen spielt, abgesehen vom Ende, eigentlich gar keine so große Rolle in dem Film. Der Film entwickelt sich eher in die Richtung „Der Unsichtbare“. Die Protagonisten durchleben, mehr oder weniger, Wesensveränderungen und benutzen die Maschine für profane, egoistische Zwecke. Der drogenabhängige Kyle nutzt das Unsichtbarsein, um einen Raub vorzubereiten und an Drogen zu kommen. Der querschnittsgelähmte Sutton, der als Unsichtbarer/Geist gehen kann, nutzt seinen Vorteil, um sich den Körper seiner Angebeteten, Kyles Freundin, mal genauer anzuschauen. Während Kyle irgendwann einsieht, dass der Sarg am besten zerstört werden sollte, weil von ihm nichts Gutes ausgeht (der Dritte der Freunde ist unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen und hat eine Warnung hinterlassen), ist Sutton dem Bösen absolut verfallen. Er entführt Kyles Freundin und will sie zwingen, mit ihm in den Sarg zu gehen. Gleichzeitig will er Kyle töten. Diese Konstellation führt zu einem recht spannenden Finale. Der mit geringem Budget entstandene „The Ghostmaker“ hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Die Geschichte wird schnörkellos erzählt und die 91 Minuten vergehen wie im Flug. Der Film zeichnet sich durch eine durchgängig düstere Atmosphäre aus, verzichtet dabei auf Härten und Gewaltspitzen. Auch Schockmomente halten sich in Grenzen. Für Freunde des gepflegten Grusels aber absolut empfehlenswert.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: die Protagonisten als Geistwesen // das dunkle Wesen mit Zahnradgesicht // Sutton, der sich als Geist mal anschaut, wie Frauen beim Duschen aussehen

Bewertung: (6,5/10)