Dienstag, 25. Februar 2014

Der schreckliche Dr. Orloff





Der schreckliche Dr. Orloff (OT: Gritos en la Noche/L'horrible Dr. Orlof, AT: Schreie durch die Nacht, Spanien/Frankreich 1961, SW, Regie: Jesús Franco)

Kritik: Der wahnsinnige Dr. Orloff ist davon besessen, seiner Tochter, die bei einem Brand im Labor grauenhaft entstellt worden ist, ein neues Gesicht zu verschaffen und ihre ehemalige Schönheit wiederherzustellen. Dazu entführt er mit seinem taubstummen und blinden Diener Morpho junge Prostituierte und Sängerinnen, die er ermordet und als Übungsobjekte für seine Transplantationsversuche hernimmt. Der junge Inspektor Tanner soll das Verschwinden der Mädchen aufklären, Presse und Vorgesetzter erwarten rasche Erfolge. Wanda, die Verlobte des Inspektors, versucht auf eigene Faust, den Fall zu klären. Als „schamloses Mädchen“ verkleidet, begibt sie sich ins Nachtleben. Da sie Dr. Orloffs Tochter sehr ähnlich sieht, dauert es nicht lange, bis sie dem Wahnsinnigen auf- und in die Hände fällt...

Die Handlung erinnert stark an den 1976 produzierten Film „Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London“ mit Klaus Kinski in der Rolle des Dr. Orloff. Regie führte bei dem Film ebenfalls Jesús (Jess) Franco. Und in der Tat wurde für „Jack the Ripper“ das Drehbuch von „Der schreckliche Dr. Orloff“ als Vorlage verwendet. Mit eigentlich nur einer Änderung: Das Transplantationsmotiv wurde hier weggelassen, Klaus Kinski spielt einen frauenhassenden Serienkiller. Einfluss auf die Entstehung von „Der schreckliche Dr. Orloff“ hatten sicher zwei Filme, in denen ebenfalls Mad Scientists junge Frauen umbringen, um ihre Töchter zu retten: der 1960 produzierte französische Film „Augen ohne Gesicht“ von Georges Franju (OT: Les Yeux sans visage, AT: Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff) mit einer ganz ähnlichen Thematik und „Die Mühle der versteinerten Frauen“ von Giorgio Ferroni (mit Pierre Brice in einer Hauptrolle) aus demselben Jahr. Jess Franco hat in seinem Film aber nicht einfach abgekupfert, sondern zeigt hier schon Ansätze eines eigenen Stils. „Der schreckliche Dr. Orloff“ ist spannend erzählt, allerdings mit einigen zu lang geratenen Dialogszenen, die eher an „Derrick“ und die guten alten Edgar-Wallace-Filme erinnern. Einige stimmungsvolle Nacht-Aufnahmen bei Regen und Einstellungen im Schloss erinnern atmosphärisch an die Universal-Klassiker der 30er-Jahre. Und besonders versiert zeigt sich Franco hier bereits im Umgang mit Licht und Schatten.

Die Auswahl der Schauspieler und deren Leistungen sind durchgehend gut, besonders Howard Vernon als Dr. Orloff und Ricardo Valle als sein Diener Morpho sind ein gruseliges Duo. Francos Vorliebe für das Schöne, das Verrucht-Weibliche, wird in vielen Einstellungen des Films schon deutlich. Sowohl bei Nahaufnahmen der hübschen Wanda als auch bei der Inszenierung der Nachtclubszenen. Was die Operationsszenen angeht, hält sich Franco im Vergleich zu Franjus „Augen ohne Gesicht“ dezent zurück. Der Spanier lässt es hier bei Andeutungen. Wer Jess Franco bisher nur als Billig- und Schnellfilmer von Frauengefängnisfilmen und sexuell aufgeladenen, zum Teil surrealistischen Horrorfilmen kennt und ihn deswegen ablehnt (andere verehren ihn dafür), sollte sich sein Frühwerk „Der schreckliche Dr. Orloff“ durchaus mal antun. Man lernt den Spanier so von einer etwas anderen Seite kennen. 

Gleich aus zwei Gründen ist „Der schreckliche Dr. Orloff“ auch filmhistorisch bedeutsam. Es handelt sich um den ersten Horrorfilm von Jess Franco und um den ersten echten spanischen Beitrag zum Horrorgenre. Eine gemäßigte Liberalisierung des Regimes Anfang der 60er-Jahre ermöglichte es Jess Franco, sich diesem in Diktaturen eigenartigerweise stets ungeliebten Genre zu widmen. Offensichtlich mögen Diktatoren das Horrorgenre nicht, da es letztendlich immer auf extreme Weise die postulierte schöne heile Welt negiert. Die Figur des Dr. Orloff erhielt übrigens einige offizielle und inoffizielle Fortsetzungen. Der Film steht somit am Anfang einer hervorragenden spanischen Horrorfilmtradition, die sich über „reitende Leichen“ hinweg bis in die Gegenwart hinein immer auch dadurch auszeichnete, besonders atmosphärische Bilder und Stimmungen zu kreieren.

„Der schreckliche Dr. Orloff“ wurde wohl niemals im deutschsprachigen Raum gezeigt, und so existiert auch keine deutsche Tonspur. Bei der vorliegenden Fassung handelt es sich um die internationale englischsprachige Langfassung, einige wenige Szenen sind auf Spanisch. Der gesamte Film ist deutsch untertitelt.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Morphos Gesicht // entstellte Tochter // Bootsfahrt mit Sarg

Bewertung: (6,5/10)