Sonntag, 30. März 2014

Aelita – Der Flug zum Mars




Aelita - Der Flug zum Mars (OT: Aelita, Sowjetunion 1924, Regie: Jakov Protasanov, SW)

Kritik: Der 1924 in der Sowjetunion erschienene Stummfilm „Aelita“ erzählt die Geschichte des Ingenieurs Losj gegen Ende der russischen Bürgerkriegszeit um 1921. Der Film besteht im Grunde aus zwei Handlungssträngen. Im ersten wird der von Elend und Armut bestimmte Moskauer Alltag gezeigt. Losj' Frau Natascha arbeitet am Kursker Bahnhof, der damals gleichzeitig ein Hospital und Durchgangsstation für Flüchtlinge, Deportierte und andere Kriegsopfer war. Wir lernen den korrupten Beamten Erlich kennen und noch einige andere Personen, die zum Teil von den guten alten Zeiten schwärmen. Der zweite Handlungsstrang besteht aus der Mars-Thematik. Gleich zu Beginn des Films erhalten Radiostationen in ganz Europa Signale mit den undechiffrierbaren Worten „Anta Odeli Uta“. Ingenieur Losj befasst sich näher mit den Signalen und vermutet, dass sie vom Mars kommen. Doch die Bedeutung der Worte kann auch er nicht entschlüsseln.

Er flüchtet sich aber von nun an zunehmend in Tagträume, in denen er Visionen vom Leben auf dem Mars hat. Er entwickelt unter anderem Pläne für den Bau einer Rakete. Die beiden Handlungsstränge werden zusammengeführt, als Losj im Eifersuchtswahn seine Frau erschießt. Er flieht an den Stadtrand von Moskau, wo er in eine Rakete steigt und zum Mars fliegt. Begleitet wird er von dem Rotarmisten Gussev, den die Tatenlosigkeit nach den Revolutionskriegen und seine Ehe langweilen, und einem Detektiv, der sich auf die Fersen des vermeintlichen Mörders gemacht hat und kurz vor dem Start in die Rakete gelangt ist. Auf dem Mars herrscht eine Art totalitäres Regime, Arbeitssklaven, die gerade nicht benötigt werden, lagert man dort eingefroren in Kühlhäusern. Losj verliebt sich in Aelita, die Königin vom Mars, während der Rotarmist eine Revolution anzettelt. Losj tötet Aelita später, weil diese sich zwar am Anfang auf die Seite der Aufständischen stellte, sich letztendlich aber doch als unverbesserliche Tyrannin entpuppte, die, um in realpolitischen Termini zu sprechen, nicht bereit war, den Schritt von der bürgerlichen (Marseillaise-Musik!) zur proletarischen Revolution zu vollziehen, sondern die Arbeiter weiterhin versklaven wollte. Als Losj auf der Erde aus seinen Tagträumen erwacht, entdeckt er, dass die Worte „ Anta Odeli Uta“ nichts anderes waren als Reklame für eine Handelsmarke. Es stellt sich heraus, dass er seine Frau nicht erschossen hat. Losj verbrennt seine Konstruktionsunterlagen für eine Rakete mit den Worten: „Genug geträumt, uns alle erwartet eine andere, richtige Arbeit.“ Mit diesem symbolischen Abschied von seinen phantastischen Tagträumereien endet der Film. Das Leben in Moskau ist nicht mehr so chaotisch wie am Anfang, Natascha arbeitet nun in einem Kinderheim und auch gegen die Korruption wurde etwas unternommen (der korrupte Beamte Erlich wurde festgenommen). Ein kommunistisches Happy End.



Plakat zum Film

Der Film basiert auf der Novelle „Aelita“ von Alexej Tolstoi (1883-1945). Tolstoi, der bei Ausbruch der Oktoberrevolution den Zielen und Bestrebungen der neuen Machthaber eher kritisch gegenüberstand, hatte seine Heimat verlassen und war nach Westeuropa emigriert. Doch enttäuscht von den Zuständen im Westen, der antisowjetischen Haltung vieler Emigranten und getrieben von der Sehnsucht nach der Heimat, fasste er den Entschluss, nach Russland zurückzukehren. In der sowjetischen Botschaft in Berlin verfasste er 1921 den Marsroman „Aelita“. Der Regisseur des Films, Jakov Protasanov, teilte ein ähnliches Schicksal. Auch er war zunächst aus Russland emigriert (1918), kehrte aber 1922 in die Sowjetunion zurück. Das Thema Emigration kommt auch in dem Film selbst vor.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Protasanov im Westen „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) gesehen hat. Die Kulissen auf dem Mars erinnern an die expressionistischen Kulissen des Films von Robert Wiene, ergänzt durch eine Melange aus Bauhaus, Kubismus und russischem Konstruktivismus. Auch die ausgefeilten Werbestrategien für beide Filme weisen Parallelen auf. Mit den Worten „Du musst Caligari werden!“, die auf Werbeplakaten, Transparenten und Zeitschriften in ganz Berlin zu lesen waren, ohne dass zu dem Zeitpunkt für die Bevölkerung klar war, worum es sich eigentlich handelte, wurde für den Film von Robert Wiene geschickt Werbung gemacht. „Aelita“ wurde Ende September 1924 im Moskauer Kino Ars (heute Stanislawski-Theater) uraufgeführt. Die Werbung für den Film setzte schon ein halbes Jahr vorher ein. Seit dem 26. Februar druckte die Zeitschrift Kinogazeta die Worte „Anta Odeli Uta“ ohne weitergehende Erläuterungen ab. Ausgabe für Ausgabe. Diese Worte begegneten den Zeitgenossen bis kurz vor der Uraufführung immer wieder, auf Plakaten, Zaunwänden oder Transparenten, die quer über Straßen gespannt waren. Ab April wurden die drei Worte bisweilen ergänzt durch den Satz: „Seit einiger Zeit empfangen Radiostationen auf der ganzen Welt unbekannte Signale...“ Kurz vor der Uraufführung druckte die Kinogazeta einen Text, der darüber informierte, dass die Signale nun entschlüsselt seien. Die Auflösung gäbe es im Kino Ars zu sehen. Kein Wunder, dass die erste Science-Fiction-Großproduktion der Sowjetunion, das teuerste Projekt des noch jungen sowjetischen Films, ein Megaerfolg wurde. Der weibliche Vorname Aelita soll sogar bei jungen Eltern nach 1924 besonders beliebt gewesen sein.

Sowohl Roman als auch Film sind ein offenes Bekenntnis zu den Zielen der Revolution und enthalten in dem Sinne Elemente von Propaganda, allerdings noch nicht so dogmatisch und schematisiert wie ab Anfang der 30er-Jahre (sozialistischer Realismus). Rückblenden auf die gute alte Zeit, in der der Wein noch nicht sauer schmeckte und Ordnung herrschte, enthalten deutliche Seitenhiebe auf die im vorrevolutionären Russland herrschende soziale Ungleichheit: Ein Mensch muss dem anderen die Schuhe putzen, eine Gruppe auf dem Bürgersteig wird genötigt stehen zu bleiben, weil Mitglieder der feinen Gesellschaft den Weg kreuzen. Realistisch wird im Film aber auch der nachrevolutionäre Alltag gezeigt, der geprägt ist von Lebensmittelkarten, Wohnungsnot, Korruption und Spekulation sowie illegal veranstalteten Bällen für eine ausgesuchte Gesellschaft.



Die Marskönigin kann auch zickig

Die Bedeutung des Films ist, ähnlich wie sein Inhalt, auf zwei Ebenen angesiedelt. „Aelita“ ist ein wertvolles Zeitdokument und ein sehr genaues Alltagsporträt Moskaus zur Zeit der „liberalen“ Neuen Ökonomischen Politik. Protasanov, der gerne Spielfilmszenen mit dokumentarischen Aufnahmen verband, zeigt uns auch hier zahlreiche authentische Aufnahmen von Originalschauplätzen mit Statisten aus dem einfachen Volk. Unter anderem sind Bilder einer Demonstration auf dem Roten Platz (ohne Lenin-Mausoleum) zu sehen. Das Minin-und-Poscharski-Denkmal steht dabei noch im Zentrum des Roten Platzes und nicht wie heute vor der Basilius-Kathedrale, und der Rote Platz selbst ist noch nahezu unbefestigt, mit Gras und Stroh bedeckt. Wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ist auch „Aelita“ ein Schlüsselfilm seiner Zeit, in dem sich Historie und Entstehungsbedingungen gleich mehrfach spiegeln (Kunst, Politik, Film). „Aelita“ erzählt die Geschichte seiner Zeit und von Helden, die sich von ihrer Vergangenheit trennen und die neue Wirklichkeit akzeptieren. Phantastische Träumereien werden verworfen, stattdessen gilt es, sich an die wirklich wichtige Arbeit zu machen, den Aufbau einer Utopie auf Erden. Filmhistorisch bedeutsam ist „Aelita“, weil es sich um einen der ersten Langfilme des Science-Fiction-Genres überhaupt handelt und er mit seinen Dekors und Kostümen die Vorstellung von futuristischen Gesellschaften prägte. Allein wenn man sich die Folgen der einflussreichen amerikanischen „Flash Gordon“-Serie aus den dreißiger Jahren anschaut, wird man zahlreiche Ähnlichkeiten entdecken können. Und glaubt man dem Eintrag in der russischsprachigen Wikipedia, dann wurde auch einer der Väter der sowjetischen Kosmonautik, der Raketenkonstrukteur Boris Tschertok (1912-2011), in seiner Biografie wesentlich von dem Film „Aelita“ beeinflusst, weil er in ihm das Interesse für Radiotechnologie, Fliegerei und Raumfahrt weckte.

„Aelita“ ist ein Stummfilmklassiker und ein Meilenstein des Science-Fiction-Genres. Einer von den Filmen, bei denen man froh sein kann, dass sie der Nachwelt erhalten geblieben sind. Denn einige Jahre später kam der Film in der Sowjetunion auf die Liste der verbotenen Werke. Das änderte sich erst mit Ende des Kalten Krieges gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Die Schwäche des Films, die allzu offensiv verkündete ideologische Botschaft, wird allemal wettgemacht durch seine filmästhetischen Vorzüge. Er überzeugt durch seine dokumentarischen Aufnahmen und die überraschend genaue Darstellung des zeitgenössischen Moskau einerseits, andererseits durch seine wegweisenden phantastischen Bilder und Kulissen vom Mars. Diese stilistische Dichotomie von Realismus und Phantastik gibt dem Film einen ganz besonderen Reiz. Darüber hinaus sind die schauspielerischen Leistungen grandios. Der Regisseur verpflichtete in erster Linie erfahrene Theaterschauspieler, und um eine Schönheit für die Rolle der Aelita zu finden, führte Protasanov ein mehrere Tage dauerndes Casting durch. Unzählige Anwärterinnen sollen sich für die Rolle der Marskönigin beworben haben, die letztendlich an die junge Schauspielerin Julia Solnzewa vergeben wurde.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Parade auf dem Roten Platz // Aelita // Marsarbeiter auf Fließband // Marsianer schauen durch Teleskop // Marskulissen // Revolution auf dem Mars

Bewertung: (9/10)

Sonntag, 23. März 2014

Die Farbe




Die Farbe (Deutschland 2010, Regie: Huan Vu)

Kritik: In den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts schlägt in einem Dorf in der Schwäbischen Alb ein Meteorit ein. In der Folge kommt es zu einer Reihe unerklärlicher Veränderungen bei Pflanzen, Tieren und Menschen. Schon die Tatsache, dass sich der Meteorit einer Untersuchung durch Wissenschaftler entzieht, sich nach einigen Tagen auflöst und nichts mehr von ihm übrig bleibt, deutet an, dass wir es hier mit etwas Unfassbarem zu tun haben. Die Familie, auf dessen Gehöft der außerirdische Körper niederging, ist besonders hart getroffen. Es kommt zu Missernten, Pflanzen zerfallen nach einer kurzen Phase des Aufblühens zu Staub, und auch vor Tieren und Menschen macht das Phänomen nicht halt. Fische, Vögel und Frösche sterben, Menschen werden von Wahnsinn befallen.

Ähnlich wie es Robert Wiene bei einem der ersten phantastischen Filme, „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920), getan hat, bedient sich auch Regisseur Huan Vu des erzählerischen Konzept der Rahmenhandlung. Ein Amerikaner aus der Stadt Arkham fährt in den 70er-Jahren in das betroffene Dorf, um Erkundigungen über seinen seit einiger Zeit verschwundenen Vater einzuholen. Dieser war 1945 als Mitglied der amerikanischen Streitkräfte dort stationiert und ist nun wieder in diese Gegend gefahren. Der Sohn trifft bei seinen Nachforschungen auf einen älteren Dorfbewohner, der von den unheimlichen Geschehnissen nach dem Meteoriteneinschlag berichtet.

Spätestens mit der Erwähnung des Ortes Arkham erkennt der Genreliebhaber den Verweis auf den Horrorschriftsteller H. P. Lovecraft (1890-1937). In vielen seiner unheimlichen Erzählungen kam dieser fiktive Ort vor. Die Werke Lovecrafts dienten, ähnlich wie die von E. A. Poe, zahlreichen Horrorfilm-Regisseuren als Inspirationsquelle und Stichwortgeber. Und auch Huan Vus „Die Farbe“ ist eine Verfilmung von Lovecrafts Erzählung „The Colour Out Of Space“ (dt.: „Die Farbe aus dem All“). Ort und Zeit wurden zwar verändert, Figurenkonstellation und Fabel jedoch wurden kaum modifiziert. „The Colour Out Of Space“ erschien 1927 und markiert den Beginn der Schaffensperiode des Autors, in der er seine großen kosmischen Horrorgeschichten verfasste. Die Erzählung beeindruckt durch die genaue, fast reportagenhafte Darstellung der unheimlichen Ereignisse, die dem Meteoriteneinschlag folgten. Meisterhaft schildert er den langsam fortschreitenden Verfall von Flora und Fauna. „Über allem lag ein Schleier von Unrast und Bedrückung; ein Hauch des Unwirklichen und Grotesken, so als sei ein wesentliches Element der Perspektive oder des Wechsels von Licht und Schatten zerstört.“ 

Diese Worte hat Lovecraft seinem Ich-Erzähler in den Mund gelegt, und es ist beeindruckend, wie es Huan Vu in seiner filmischen Adaption gelingt, die hier nur angedeutete Atmosphäre der Erzählung auf die Leinwand zu übertragen. Er setzt offenbar genau bei den Begriffen Perspektive sowie Licht und Schatten an. Mit klassischen Stilmitteln der Filmkunst gelingt es ihm, die düstere Atmosphäre der literarischen Vorlage fast eins zu eins umzusetzen. Charakteristisch für die Schwarz-Weiß-Bilder des Films sind eine Dominanz dunkler Grautöne und Kontrastarmut, was die eigenartige Stimmung nur noch verstärkt. Handwerklich wurde das wohl dadurch erreicht, dass die Szenen zwar in Farbe gedreht wurden, aber anschließend ohne weitere große Bearbeitung in Schwarz-Weiß konvertiert wurden. Der mehrfache Einsatz der subjektiven Kamera, sogar aus der Perspektive des Meteoriten, evoziert von Anfang an eine besonders bedrohliche Atmosphäre. Ahnt doch der Zuschauer schon lange vor den Protagonisten, dass es sich hier wohl um eine Art Wesen oder Existenz handelt. Wer sollte sonst aus dem Meteoriten „herausschauen“? Schräge Kamerawinkel, lange Einstellungen und Großaufnahmen alltäglicher Gegenstände, ungewöhnliche Perspektiven und der Einsatz von Weitwinkeloptiken verweisen mit Fortschreiten der Geschichte auf die aus den Fugen geratende Welt. Unterstützt wird das Ganze noch durch einen stimmigen Einsatz von Musik und bedrohlich wirkenden Geräuschen und Klängen. Trickaufnahmen von zu Staub zerfallenden Pflanzen und Körpern, übergroßer Insekten und dem Star des Film, der Farbe aus dem All, machen die Sache perfekt. Die einzigen Farbaufnahmen sind übrigens die, in denen die (pink-rosa) „Farbe aus dem All“ ihren Auftritt hat.

Der Film „Die Farbe“ ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie man auch mit geringem Budget eine unheimliche Stimmung und subtilen Schauer erzeugen kann. Er sollte all den untalentierten Hollywood-Regisseuren als Vorbild dienen, die anscheinend nur noch mit Schnittgewitter, Wackelkamera und der Lautstärke des Scores zu erschrecken vermögen. Der Film endet übrigens mit einem ähnlichen Fragezeichen wie der Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920). Durch die letzten Einstellungen, die konfusen Visionen des Rahmenerzählers, kann sich der Zuschauer nicht mehr ganz sicher sein, wie er das Gesehene einzuordnen hat...

Dieser Film gehört für mich zu den besten Literaturverfilmungen im Horrorgenre. Man muss die Geschichte von Lovecraft nicht unbedingt kennen, um an „Die Farbe“ gefallen zu finden. Er ist ein absolutes Must-see, und eigentlich gehört er auch in jede Filmsammlung. Wer in seinem Rezeptionsverhalten noch nicht durch Wackelkamera, Schnittgewitter und Lautstärke-Schocks beschädigt wurde, wird diesen ruhigen, bedrückenden Film genießen. Volle Punktzahl für ein Meisterwerk des (deutschen!) Genrekinos.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: von der Farbe durchleuchteter zerfallender Körper // Biene auf dem Kopf // Bäume // tote Tiere // Farbeffekte // übergroße Birnen

Bewertung: (10/10)

Sonntag, 16. März 2014

Hänsel und Gretel: Hexenjäger




Hänsel und Gretel: Hexenjäger (OT: Hansel and Gretel: Witch Hunters, USA/D 2013, Regie: Tommy Wirkola)

Kritik: Na dass mit dem guten alten Märchen „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm irgendwas nicht stimmen konnte, haben wir ja schon immer geahnt. Eltern würden doch niemals ihre Kinder im Wald aussetzen, nur weil das Essen grad ein bisschen knapp ist oder die Zeiten schlecht sind. Wie es sich auch abgespielt haben könnte, zeigt uns Regisseur Tommy Wirkola in seiner Version des Volksmärchens. Die Geschwister wurden zu ihrem Schutz im Wald ausgesetzt, denn hinter den Kulissen tobte ein Krieg zwischen schwarzen und weißen Hexen, dem dann auch Vater und Mutter von Hänsel und Gretel zum Opfer fielen. Happy End ausgeschlossen. Ganz wie im Märchen erfahren wir in der Pre-Credits-Sequenz, wie Hänsel und Gretel ans Knusperhäuschen einer Hexe gelangen und in die Falle tappen. Hänsel wird von der Hexe mit Süßigkeiten gemästet, was ihm später dann prompt einen ausgewachsenen Diabetes mellitus einbringt. Vor allem dank Gretels furchtlosem Einsatz gelingt es den beiden Rackern, die Hexe dorthin zu befördern, wo wohl alle schwarzen Hexen am besten aufgehoben wären: in den Ofen. Dass bei der Inszenierung des Films viel Wert auf Action gelegt wird, deutet sich hier bereits an.

Schnitt. Hänsel (Jeremy Renner) und Gretel (Gemma Arterton) sind nun erwachsen, und der Zuschauer erfährt mittels abfotografierter Zeitungsausrisse im Schnelldurchlauf, dass Brüderchen und Schwesterchen mittlerweile als Hexenjäger eine große Karriere gemacht haben und, wenn sie denn gerufen werden, gegen Kohle den betroffenen Gemeinden helfen und die Hexen in Asche verwandeln. Ein solches Hexenproblem hat die Stadt Augsburg, in der immer mehr Kinder in der letzten Zeit spurlos verschwunden sind. Wie Hänsel und Gretel dieses Problem zu lösen versuchen und auf welche Widerstände sie dabei stoßen, zeigt Regisseur Wirkola in seinem temporeich inszenierten Fantasy-Action-Abenteuer. Wie schon bei der Information über die Biografie der Geschwister deutlich geworden ist, legt Wirkola dabei keinen allzu großen Wert auf klassisches, langatmiges Erzählen. Über die Charaktere Hänsel und Gretel erfahren wir nicht wirklich viel, auch der Handlungsstrang, der das Techtelmechtel von Hänsel mit einer weißen Hexe behandelt, wird eher oberflächlich dargestellt. Sämtliche Figuren bleiben, und hier sind wir wieder beim typischen Merkmal des klassischen Volksmärchens, eindimensional und schablonenhaft. Aber was dem Märchen nicht schadet, schadet auch diesem Film nicht.

Effekte und schnell geschnittene Kampf- und Actionszenen stehen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung der Hexenjäger mit der Hexenarmee, die von einer beeindruckend spielfreudigen Famke Janssen als Oberhexen-Domina angeführt wird. Für eine düstere Atmosphäre sorgen tolle (Hexen-)Masken, Kostüme und Kulissen. Besonders die Szenen, die im finsteren deutschen Wald spielen, sind stimmungsmäßig gelungen. Der Film wurde unter anderem im Studio Babelsberg und in Braunschweig und Umgebung gedreht. Bei dem Marktplatz von Augsburg, der des Öfteren Schauplatz des Geschehens ist, handelt es sich in Wirklichkeit um den Burgplatz in Braunschweig. Dem Zuschauer bleibt jedoch kaum Gelegenheit, die düster-gruselige Atmosphäre in Ruhe zu genießen, denn der Film lässt einem kaum Zeit zum Durchatmen. Neben mit sichtlicher Freude inszenierten Actionsequenzen verwendet Regisseur Wirkola immer wieder auch das Stilmittel des Splatterfilms. Szenen, in denen Köpfe zerquetscht werden, Opfer Gretel vom Amtsrichter und seinen Kohorten verprügelt wird, fliegende Hexen mit einem Maschinengewehr wie Moorhühner vom Himmel geschossen werden oder ihrer körperlichen Unversehrtheit verlustig gehen, wenn sie mit aufgespannten Drähten kollidieren, sind wohl dafür verantwortlich, dass der Film nur eine FSK-16-Freigabe erhielt. Dass sich „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ an Erwachsene und Fast-Erwachsene richtet, heißt nicht, dass er nun auf ganzer Linie ernst genommen werden will. Zu häufig sind die bisweilen lustigen, bisweilen albernen Ideen, zeitgenössische Aspekte einfließen zu lassen (Zuckerkrankheit von Hänsel, Groupie mit Autogrammwunsch und Pressemappe). Das Konzept der alten, buckligen Hexe mit Hakennase wurde ergänzt. Die Entwicklung der Damen, die mit dem Satan im Bunde stehen, ist ähnlich der, die die beliebten Film-Zombies genommen haben, die sich ja auch erst schlurfend kaum auf ihren eigenen zwei Beinen halten konnten und später zu wahren Sprintwundern mutierten. Die Hexen in Wirkolas Film haben Martial-Arts-Fähigkeiten und sind im Zweikampf aufgrund ihrer Schnelligkeit und Gewandtheit kaum zu bezwingen. Diese Zweikämpfe zwischen Hänsel und /oder Gretel und den Hexen werden zeitlich bis zum Anschlag zelebriert. Hier hätte etwas weniger dem Film gut getan. Weit davon entfernt, eine komplexe Handlung zu haben, offenbart „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ seine Geschichte dennoch nicht ungeschickt und peu à peu erst mit fortschreitender Handlung, um dort zu enden, wo sie angefangen hat. 

Wirkolas Film will in erster Linie unterhalten, und das gelingt ihm bestens. Hat man sich erst mal auf Genre und Thematik eingelassen, kommt aufgrund der temporeichen Inszenierung und toller Bilder kaum Langeweile auf. Die Erzählzeit vergeht wie im Hexenflug. Den Hauptdarstellern Jeremy Renner und Gemma Arterton wird zwar nicht allzu viel an Schauspielkunst abverlangt, als Geschwisterpärchen mit heiliger Mission harmonieren sie jedoch wunderbar und glaubwürdig. Famke Janssen als Oberhexe ist der Oberhammer und eine reine Augenweide, Troll Edward, angesiedelt irgendwo zwischen King Kong und Shrek, ist der heimliche Star des Films. Ganz am Rande transportiert „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ im Subtext natürlich auch, wie fast jeder Film, einige moralische Lebensweisheiten, nämlich dass selbst Helden nicht alles wissen können (ja, es gibt auch gute Hexen) und man sich nie mit dem pöbelnden Mob gemein machen sollte, der allzu schnell Köpfe rollen sehen will. Aber das wissen wir selbstverständlich schon länger, denn wir lieben ja phantastische und Horrorfilme. „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ ist gelungene (Heim-)Kino-Unterhaltung, die durch ihre temporeiche Inszenierung und visuellen Angebote zu fesseln vermag. Ich werde mir den Film gerne ein zweites Mal anschauen und ganz gewiss auch das geplante Sequel...

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Luftangriff der Hexen // Zimmerrenovierung mit roter Farbe // Hexe im Ofen // Troll Edward // roter Himmel // Wald // nackte weiße Hexe

Bewertung: (7/10)



Dienstag, 4. März 2014

Die Teufelswolke von Monteville




Die Teufelswolke von Monteville (OT: The Trollenberg Terror, AT: The Crawling Eye, GB 1958, SW, Regie: Quentin Lawrence )

Kritik: Der weiße Nebel nähert sich vom Meer kommend unaufhaltsam der kalifornischen Küstenstadt Antonio Bay, und er führt grauenhafte Passagiere mit sich: halbverweste Leichen, die sich an den Einwohnern der Stadt für in der Vergangenheit begangenes Unrecht rächen wollen. Das ist die Situation in John Carpenters Horrorfilmklassiker „The Fog – Nebel des Grauens“ (1980). Ähnlich ist die bedrohliche Ausgangslage im Science-Fiction-Film „Die Teufelswolke von Monteville“ aus dem Jahr 1958. Hier ist es eine radioaktive Wolke, die am Berg Monteville in der Nähe des Alpenortes Trollenberg festhängt. Auch sie führt Passagiere mit sich, außerirdische Monster, die die Erde erobern wollen. Die Ähnlichkeit zwischen beiden Filmen ist nicht zufällig. John Carpenter hat „Die Teufelswolke von Monteville“ mehrmals gesehen, der Film von Quentin Lawrence war in seiner Jugend einer seiner Lieblingsfilme. Und Carpenter gibt im Audiokommentar zum Film offen zu, dass er bei „The Fog“ von dem älteren Film inspiriert worden ist.

Der Science-Fiction-Film als Seismograf für kollektive Ängste erlebte in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen regelrechten Boom. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Erfahrung des Atombombenabwurfs auf japanische Städte dominierten im Kontext von Korea-Krieg und Kaltem Krieg in den westlichen Ländern vor allem zwei Ängste: die vor der Bedrohung durch Radioaktivität (Atombombe) und die vor einer kommunistischen Invasion. Der Science-Fiction-Film mit seinen Themenbereichen Monster, Mutationen und Invasionen bot den Zuschauern die Gelegenheit, Ängste und Situationen, die den realpolitischen sehr ähnlich waren, im Kinosaal oder im Autokino lustvoll zu erleben und zu überleben. Diese kathartische Wirkung ist sicher mit ein Grund dafür, dass die Filme in der damaligen Zeit auf so große Resonanz stießen, obwohl sie in der großen Mehrheit eher schlecht und billig gemacht waren. Monster wurden durch Atombombenexplosionen erweckt („Panik in New York“, 1953) oder waren Ergebnis von Mutationen, die durch den Einfluss radioaktiver Strahlen entstanden sind („Formicula“, 1954). Außerirdische hatten nichts anderes im Sinn, als die Menschheit zu vernichten („Kampf der Welten“, 1953) oder die Körper der Menschen zu übernehmen („Die Dämonischen“, 1956). Nicht selten wurden bei den Filmen die Genres Science-Fiction und Horror vermischt. Auch die „Teufelswolke von Monteville“ ist eine dieser Low-Budget-Produktionen, die damals wie Atompilze aus dem Boden schossen. Der Film ist dem Science-Fiction-Genre zuzurechnen, enthält aber auch Topoi des typischen Horrorfilms (abgerissene Köpfe, lebende Tote).

Der Film beginnt mit einer Szene in den Schweizer Alpen. Einer von drei Bergsteigern trifft auf etwas Unheimliches, man sieht ihn nicht, sondern hört nur seine Stimme. Dann stürzt der mit einem Seil gesicherte Bergsteiger ab und wird von seinen zwei Begleitern wieder nach oben gezogen. Die müssen entsetzt feststellen, dass ihrem Mitkletterer der Kopf fehlt. Da dies offensichtlich nicht der erste Zwischenfall dieser Art war, begibt sich der amerikanische Wissenschaftler Alan Brooks, der für die UNO arbeitet, nach Trollenberg, um der Sache auf den Grund zu gehen. Im Zug trifft er auf zwei Frauen, die als Varietékünstlerinnen durchs Land ziehen. Eine von beiden ist hellseherisch begabt und besteht darauf, außerplanmäßig in Trollenberg auszusteigen. Sie fühlt sich auf eine verstörende Art vom Berg angezogen. Im weiteren Verlauf der Ereignisse wird den Protagonisten schnell klar, dass alles Übel von der Wolke ausgeht. Noch dazu versuchen einige Opfer der „Wolke“, lebende, ferngesteuerte Tote, die Hellseherin zu töten. Dann fängt die Wolke an sich zu bewegen. Sie wandert auf den Ort Trollenberg zu. In der Wolke befinden sich glubschäugige Monster mit Tentakeln, die es auf die Menschen abgesehen haben...

Man sieht dem Film sein niedriges Budget an. Wackelnde Bergkulissen, das immer gleiche Matte-Painting vom Berg Monteville, das in nahezu jeder Szene den Hintergrund bildet, und ein äußerst übersichtliches Setting lassen die beschränkten finanziellen Möglichkeiten der Produzenten erahnen. Und dass der Film aus einer Mini-Serie für das britische Fernsehen hervorgegangen ist, kann er leider auch nicht verhehlen. Es oblag der Drehbuch-Legende Jimmy Sangster, der durch seine zahlreichen Arbeiten für die Hammer-Studios bekannt geworden ist, den Serienstoff zu einem Kinofilm umzuarbeiten. Was ihm aber nur zum Teil wirklich gelang. Der Film zeichnet sich durch eher unterentwickelte Figuren und nicht ausgereizte Charaktere aus (Reporter, Hellseherin). Vieles, wie der Vorfall in den Anden, bleibt nur nebulöse Andeutung, und Handlungsweise und Motivation einiger Figuren sind rätselhaft bis unlogisch. Eines kann man dem Film aber nicht absprechen: den für billig und schnell produzierte Science-Fiction-Filme der 50er-Jahre typischen Charme. „Die Teufelswolke von Monteville“ unterhält auf wunderbare Weise, auch heute noch. Produktionsteam und Schauspieler gaben sich die größte Mühe, einen Invasionsfilm zu drehen, der ernstgenommen werden will. Meine persönlichen Highlights des Films sind die Szenen gegen Ende, als die Monster ihren Auftritt haben. Hier sehen wir Bilder, die wahrhaft im Gedächtnis bleiben.

Bewertung: (5,5/10)

Samstag, 1. März 2014

Gravity




Gravity (OT: Gravity, USA/GB 2013, Regie: Alfonso Cuarón)

Kritik: Astronauten einer Space-Shuttle-Mission führen Außenarbeiten am Hubble-Weltraumteleskop durch. Unter den Astronauten sind Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock), für die es der erste Flug ist, und Matt Kowalski (George Clooney), für den es der letzte Einsatz ist. Dann kommt ein Funkspruch von der Bodenstation, in dem vor herumfliegenden Teilen eines zerstörten russischen Satelliten gewarnt wird. Die Astronauten brechen ihre Mission sofort ab, aber es ist zu spät. Trümmer des Satelliten schlagen am Ort des Geschehens ein und töten drei der fünf Astronauten. Nur Stone und Kowalski überleben. Sie treiben im Ozean des Nichts dahin, menschliches Treibgut, unbedeutend und klein. „Open Water“ im Weltenraum. Weiße Punkte vor schwarzem Hintergrund. Die Unendlichkeit und den Tod vor Augen. Ihre einzige Überlebenschance besteht darin, eine Raumstation mit Raumkapsel zu finden, die sie zurückbringt zu Mutter Erde. Doch das Unterfangen scheint aussichtslos, denn der Sauerstoff in ihren Raumanzügen wird knapp ebenso wie der Sprit für den Düsenrucksack Kowalskis, der es ihnen ermöglicht, im Weltraum zu navigieren. Wie mit einer Nabelschnur verbunden, versuchen sie ihr Ziel zu erreichen.



Faszinierende Bilder: Sandra Bullock, George Clooney

„Gravity“ ist (fast) ein Ein-Personen-Stück. Sandra Bullock, die für ihre Leistung zu Recht für den Oscar nominiert worden ist, trägt den Film ganz allein. Sie spielt ihre Rolle mit Inbrunst und Glaubwürdigkeit. Als zum Teil in Unterwäsche um ihr Überleben kämpfende Frau erinnert sie an Sigourney Weaver in „Alien“. Regisseur Alfonso Cuarón gelingt es, aus einer minimalistischen Story einen überwältigenden Hardcore-Science-Fiction-Film mit menschlichem Antlitz und Kultfaktor zu machen, der nie langweilig wird. Bilder voller Erhabenheit von der Erde und dem bedrohlichen, endlosen Weltraum fesseln den Betrachter ebenso wie die Actionsequenzen mit ihren gelungenen visuellen Effekten, in denen die umherfliegenden Teile eines russischen Satelliten den Protagonisten das Leben schwer machen. Und das Ende des Films mit seinen Bildern, Einstellungen und Anspielungen ist einfach grandios. Die Möglichkeiten des Kinos im 21. Jahrhundert, das zeigt Alfonso Cuarón mit seinem Film deutlich, gehen weit darüber hinaus, epochale Schlachtenbilder im Fantasyreich zu kreieren oder Häuserblocks und Städte in Schutt und Asche zu legen. „Gravity“ ist ein zutiefst philosophischer Film, der im Subtext u.a. die Themen Leben und Tod, Anfang und Ende diskutiert. Ähnlich wie „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968) beschäftigt sich „Gravity“ mit der vermeintlich unbedeutenden Rolle des Menschen in einem unendlichen Universum und transportiert seine Botschaft mit eindringlichen, poetischen Bildern. Nahezu jede Einstellung des Films ist auf ihre Art visuell überwältigend und brennt sich dem Gedächtnis ein. Ein absolut empfehlenswerter Film mit Potenzial zum Klassiker.

Bewertung: (9/10)