Montag, 21. April 2014

Traumstadt




Traumstadt (Deutschland 1973, Regie: Johannes Schaaf)

Kritik: Stellen Sie sich vor, Sie seien ein mehr oder weniger erfolgreicher Künstler in München, Anfang der 70er-Jahre, verheiratet, und während Sie so durch die Stadt schlendern, merken Sie, dass Sie von einem Mann verfolgt werden. Dieser gibt sich irgendwann als Agent eines gewissen Klaus Patera zu erkennen, mit dem Sie zusammen auf die Schule gegangen sind. Dieser Klaus Patera sei, so erzählt der Agent, zu unermesslichem Reichtum gekommen und habe an einem geheimen Ort irgendwo im fernen Asien eine Traumstadt gegründet. Dort herrsche absolute Freiheit, es gebe keinerlei materielle Not und jeder könne sich dort selbst verwirklichen und nach seiner Façon selig werden. Klaus Patera lade Sie und Ihre Frau ein, in seiner Traumstadt zu leben.

Das ist die Ausgangssituation des Films „Traumstadt“ von Johannes Schaaf. Der Film basiert auf dem phantastischen Roman „Die andere Seite“ (1909) von Alfred Kubin. Personen, Handlungsgerüst und einige Motive wurden direkt aus dem Roman übernommen, die Handlung spielt jedoch in der Gegenwart. Nach nur kurzem Zögern, ein Scheck über 100000 DM für die Reise zerstreut die letzten Zweifel, entschließen sich der Künstler Florian Sand (Per Oscarsson) und seine Frau Anna (Rosemarie Fendel), der Einladung zu folgen. Schon die Reise in die Traumstadt ist voller Symbolik. Die erste Etappe wird in einer Lufthansamaschine zurückgelegt, dann folgt ein Flug in einem alten Kleinflugzeug, anschließend werden Wegstrecken mit dem Auto und auf einem Kamel zurückgelegt. Das letzte Stück müssen Florian Sand und seine Anna zu Fuß gehen. Irgendwann treffen sie auf einen kleinwüchsigen Diener Klaus Pateras, der sie zu einer Kutsche führt, Assoziationen an phantastische Vampirgeschichten werden hier geweckt, mit der sie die letzte Wegstrecke zurücklegen.

Die Reise in die Traumstadt erweist sich, was die Verkehrsmittel betrifft, als eine Reise in die Vergangenheit. Dabei bleibt noch offen, ob diese Reise in die Vergangenheit die Protagonisten in ein natürliches, ursprüngliches Paradies führt oder ob es nicht doch eher eine Reise zurück in Anarchie und Chaos ist, eine Reise in Wildheit und Barbarei. In der Traumstadt angekommen, werden die beiden noch einmal darauf hingewiesen, dass dort sämtliche Wünsche ausgelebt werden dürften. Es gebe nur ein Gesetz: der totale Respekt vor der Individualität des anderen. Am Anfang scheint alles gut zu laufen. Das Paar sucht sich eine Wohnung, und die Kleider in den Schränken haben schon die passende Größe. Im Restaurant bringt man ihnen genau das Gericht, das sie gerade bestellen wollten. Alles scheint gut. Dennoch entwickelt sich von Anfang an ein zwiespältiges Gefühl beim Zuschauer. Die Menschenmenge, die die Neuankömmlinge begrüßt, ist merkwürdig melancholisch und apathisch. Wirklich fröhliche, ausgelassene Menschen gibt es dort kaum. Das Leben in der Traumstadt gestaltet sich für Florian Sand und seine Frau zunehmend kafkaesk. Der Versuch, eine Besuchserlaubnis für den Schulfreund Klaus Patera zu bekommen, scheitert an der Verrücktheit des Verwaltungsapparates. Bei einem Theaterbesuch müssen die Neuankömmlinge feststellen, dass es keine Zuschauer, sondern nur Akteure gibt, was zu einer schrecklichen Kakofonie und einem Chaos auf der Bühne führt, weil jeder Darsteller sein eigenes Ding macht. In einer anderen Sequenz mauert ein Mann ein Fenster zu, „weil er Lust dazu hat“.


Ein Pferd transportiert eine Leiche

Die Frage Paradies oder Chaos ist schnell entschieden. Die Bewohner der Traumstadt werden zunehmend zügellos, gewalttätig und gehen ihren Perversionen nach. Es herrschen Revolution und Chaos, und auch die maroden Gebäude der Stadt fallen in sich zusammen. Ein resignierter alter Mann bringt die Aussage des Films auf den Punkt: „Der Mensch ist nicht geschaffen, Freiheit zu ertragen.“ Regisseur Johannes Schaaf zelebriert den Untergang der Traumstadt gegen Ende des Films ausführlich und wird damit weitgehend dem Roman gerecht, der sich nach der ersten Hälfte nur noch mit der Beschreibung des Untergangs des Traumreiches beschäftigt. Explosionen, ein- und umstürzende Gebäude und Bäume dürften einen Großteil des Budgets verschlungen haben. Dass die Dreharbeiten in einer mittelalterlich anmutenden, maroden tschechischen Stadt stattfanden, die anschließend geflutet werden sollte, kam den Aufnahmen zugute. Hier konnten sich die Filmmacher so richtig austoben. Nicht austoben konnten sie sich bei den sonstigen Dreharbeiten, denn die Beamten des damals kommunistischen Staates CSSR machten es dem Regisseur Johannes Schaaf nicht gerade leicht, wie er im Interview, das sich ebenfalls auf der DVD befindet, erzählt. Sie haben anfangs sogar gedacht, dass der Film eine Verhohnepipelung des Kommunismus sei.

Trotzdem ist es irgendwie gelungen, das Projekt noch zu Ende zu bringen. Herausgekommen ist ein beeindruckender Film, der für sich zwar sehr gut funktioniert. Dass die Produzenten den Regisseur damals jedoch dazu nötigten, dreieinhalb Stunden Filmmaterial auf circa zwei Stunden herunterzukürzen, hat dem Film sicher nicht gutgetan. Das Material ist nicht mehr vorhanden, ein Director's Cut also nicht mehr möglich, was Johannes Schaaf heute bedauert. Vieles bleibt daher Andeutung oder zusammenhangloses Stückwerk, das man, ohne den Roman gelesen zu haben, nicht wirklich versteht („Uhrbann“), die Geschichte wird zu schnell erzählt. Der langsame Niedergang der Sitten der Einwohner und der Verfall der Substanz der Gebäude, das langsame Entstehen einer revolutionären Stimmung und einiges anderes können mit den zeitlich begrenzten Möglichkeiten des Mediums Film einfach nicht dargestellt werden. Zahlreiche phantastische Elemente des Romans, der lange als unverfilmbar galt, wurden ebenfalls fast völlig außen vor gelassen. Eine Verfilmung mit den heutigen technischen Möglichkeiten wäre sicher eine reizvolle Aufgabe.


Die Traumstadt fällt in sich zusammen, die Utopie ist gescheitert

Löst man sich in seiner Bewertung jedoch vom Vergleich mit dem Roman, dann bleibt ein doch recht beeindruckendes Werk deutscher Filmgeschichte. Regisseur Schaaf hat einige wunderbare Bilder geschaffen wie das Pferd, das auf seinem Rücken sterbende Menschen transportiert, die Statue, die sich plötzlich bewegt, und viele andere. Überhaupt korrespondiert die Bildsprache von Johannes Schaaf wunderbar mit der utopiekritischen Aussage des Romans. Alles funktioniert irgendwie rückwärts, symbolisiert Rückschritt. Angefangen von der Anreise am Anfang des Films bis zu den Bewohnern, die am Ende wieder in Zelten hausen und aufeinander losgehen wie Neandertaler. Oder die wunderbar in Szene gesetzte Inversion der symbolischen Bedeutung des Eies, das normalerweise für beginnendes Leben steht. In der Traumstadt werden sterbenskranke Menschen in Eierschalen liegend an einem Baum aufgehängt, wo sie in ihren weißen Särgen den Tod erwarten.  

„Traumstadt“ ist eine gelungene Mixtur aus realistischer Darstellungsweise, zum Teil surrealen Bildern und einer phantastischen Geschichte über einen Gesellschaftsentwurf, der Utopie anstrebt und doch im Chaos endet. Der Film, dessen beeindruckende Bilder vielen, die ihn in den 70er-Jahren sahen, noch im Gedächtnis geblieben sein dürften, ist endlich auf DVD erschienen, noch dazu in einer wunderschönen Edition. Nach über 40 Jahren kann man sich dieses Filmjuwel wieder anschauen! Ein großer Dank dem herausgebenden Label, das damit wieder einmal gezeigt hat, dass es sie sehr wohl gibt, „die andere Seite“ des Deutschen Films, der heutzutage leider durch einseitige Filmförderung von seichten bis albernen Komödien und Zweite-Weltkriegs-Dramen dominiert wird.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Gnom auf der Kutsche // Theateraufführung //  sterbende Menschen in Eierschalen am Baum // Statue // Fenster wird zugemauert // nackte Olimpia

Bewertung: (8/10)