Montag, 28. September 2015

Maggie




Maggie“ (OT: Maggie, USA 2015, Regie: Henry Hobson)

Kritik: Der Zombiefilm, das einst inkriminierte Subgenre des Horrorfilms, ist erwachsen und massentauglich geworden. Seit 2010 flimmert die überaus erfolgreiche und gut gemachte Serie „The Walking Dead“ bereits in mehreren Staffeln über die Fernsehbildschirme. Obwohl noch nicht beendet, tritt bereits ihr Nachfolger „Fear the Walking Dead“ in deren Fußstapfen. Endgültig Einzug ins Mainstreamkino fand das Zombiegenre mit „World War Z“ (2013). Ein Film im Blockbusterformat mit dem Weltstar Brad Pitt in der Hauptrolle. In „Maggie“ ist es eine weitere Hollywood-Größe, Arnold Schwarzenegger, die den Zombiefilm mit ihrer Anwesenheit adelt. Allein diese beiden Werke zeigen das große Potenzial des Untoten-Genres. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. „World War Z“ ist actionlastig, spielt in mehreren Ländern auf dem gesamten Globus und erzählt seine Geschichte direkt und schnörkellos. Ohne die für den Zombiefilm typischen klaustrophobischen Momente zu vernachlässigen, findet der Film doch vor allem eindrückliche Bilder für den Untergang der gesellschaftlichen Ordnung und den Zusammenbruch der Staaten. Dabei kommen besonders die Einstellungsgrößen Panorama und Totale zum Einsatz. Beängstigende Massenszenen, wie die Belagerung der Stadtmauern Jerusalems durch die Heerscharen von Untoten, brennen sich ins Gedächtnis ein. 

„Maggie“ hingegen ist anders, ein ruhiger Vertreter seiner Zunft, mehr Drama denn Horrorfilm. Weltpolitik spielt hier keine Rolle, alles spielt sich im Mikrokosmos einer Gemeinde im amerikanischen Mittelwesten ab. Wer aufgrund des Namens Schwarzenegger ein Zombiegemetzel erwartet, wird enttäuscht werden. Die typische Zombiefilm-Ikonographie findet sich nur im Aussehen der wenigen „lebenden Leichen“, die es zu sehen gibt. Sich an menschlichen Innereien delektierende Untote gibt es hier nicht. Die Zombies schlurfen wie bei Romero eher langsam durch die Gegend und sind keine akute Bedrohung für die menschliche Zivilisation. Denn wer sich infiziert hat, weil er gebissen wurde, verwandelt sich sehr langsam. Das kann schon mal mehrere Wochen dauern. Erst verfault das Fleisch, dann ändert sich die Augenfarbe und erst zum Schluss ändern sich auch die kulinarischen Präferenzen. Mitmenschen riechen auf einmal nach Essen, nach leckerem Essen. Jetzt erst ist die Verwandlung komplett. Infizierte kommen in Quarantäne, wo sie mittels Todesspritze eines, so wird angedeutet, qualvollen Todes sterben. 

Der gesamte dramaturgische Aufbau von „Maggie“ basiert auf dieser langsamen Verwandlung. Was Jekyll-und-Hyde-Filme oder Werwolf-Klassiker und andere Vertreter des Transformationshorrors in wenigen Sekunden, allenfalls Minuten abhandeln, gereicht „Maggie“ für die gesamte Lauflänge. Wie die Transformation von Maggie (Abigail Breslin) erzählerisch und visuell dargestellt wird, ist ein besonderes Highlight dieses Films. Weil die Zombies, lange bevor sie gefährlich werden, identifizierbar sind, stellen sie, wie gesagt, keine wirkliche Bedrohung für die Menschheit dar. Die eigentlichen Dramen spielen sich in den Familien ab, denen nicht viel Zeit bleibt, sich von kranken Mitgliedern zu verabschieden. So erfährt auch Wade (Arnold Schwarzenegger) eines Tages, dass seine Tochter Maggie gebissen wurde und sich angesteckt hat. Es bleiben maximal acht Wochen, dann wird sie sich, so denn kein Wunder geschieht, verwandeln. 


Maggie (Abigail Breslin): schon nicht mehr ganz – äh, ganz sie selbst

„Maggie“ erzählt die Geschichte eines Abschieds, und es geht darum, wie Familie, Freunde und Gesellschaft mit einer ansteckenden Krankheit und dem Thema Tod umgehen. Das Gruselmoment und die Bedrohung, die von Zombies ausgeht, steigern die Spannung. Wie verbringen Vater und Tochter die verbleibende Zeit miteinander, wann ist es Zeit loszulassen, wann wird sich die Tochter in einen Zombie verwandeln und zur Bedrohung werden? Wird Wade die Kraft aufbringen, seinen Sonnenschein früh genug zu erlösen, und wann ist der richtige Zeitpunkt? Diese Fragen tragen den ganzen Film, und es ist vor allem den darstellerischen Leistungen von Breslin und Schwarzenegger, der selten so eindringlich eine Charakterolle gespielt hat, aber auch einem hervorragenden Drehbuch zu verdanken, dass „Maggie“ nie langweilig wird. Die letzte Sequenz und das Finale des Films sind so beeindruckend, dass hier nicht mehr verraten werden soll. Außer, dass es eines der beeindruckendsten und intensivsten Plädoyers für die Macht der Liebe ist, das ich seit Langem in einem Horrorfilm gesehen habe.

Im Gegensatz zu „World War Z“ erzählt „Maggie“ seine Geschichte hauptsächlich in den Kameraeinstellungen Halbtotale, Halbnah, Nah und Groß. Die Kamera sucht ständig die Nähe zu den Personen und vermittelt so die tiefen Gefühle, die hier im Spiel sind. Man ist als Zuschauer ganz nah an den Darstellern und fühlt mit ihnen, da der Regisseur der Figurenentwicklung große Aufmerksamkeit zukommen ließ. Das Verdienst von „Maggie“ ist es, das Augenmerk auf den Prozess der Transformation, der Verwandlung zum Zombie zu legen. Ein Aspekt, dem in den meisten anderen Untoten-Filmen kaum Beachtung geschenkt wird. Das ist, zumindest in der Konsequenz, ein Novum in der Geschichte des Zombiefilms. Alles in allem ist „Maggie“ ein gelungener „Arthaus“-Zombiefilm mit einem überzeugenden Arni in einer Charakterrolle. Ein Erlebnis. Und, mein Geheimtipp: Wem „Maggie“ gefallen hat, der sollte sich durchaus auch mal „Extinction“ (2015) von Miguel Angel Vivas anschauen (nicht zu verwechseln mit dem deutschen Zombiefilm „Extinction – The G.M.O. Chronicles“). Der ist zwar etwas blutiger, bietet etwas zahlreichere, zu blinden Eiswesen mutierte Zombies, ist aber von der Figurenzeichnung ähnlich gut und „gefühlig“ wie „Maggie“ und behandelt darüber hinaus ebenfalls die Vater-Tochter-Thematik.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben: die fast völlig verwandelte Maggie nähert sich ihrem schlafenden Vater 

Bewertung: (7,5/10)

Montag, 23. März 2015

Katakomben




Katakomben (OT: As Above, So Below, USA 2014, Regie: John Erick Dowdle)

Kritik: In der Tiefe, im Erdinnern, lauert nichts Gutes, das weiß man mittlerweile. In „The Descent“ (2005) von Regisseur Neil Marshall ist es eine Gruppe von jungen Frauen, die frohen Mutes eine Höhlenexpedition unternimmt. Als wegen eines einstürzenden Ganges der Rückweg nicht mehr möglich ist, suchen die sechs Freundinnen nach einem zweiten Ausgang. Diese Suche konfrontiert sie mit (Ur-)Ängsten, Paranoia, Ungeschicklichkeiten, gegenseitigem Misstrauen und den menschenähnlichen Crawlern, blinden Wesen, die sich in der Dunkelheit mittels Schall orientieren und nichts anderes im Sinne haben, als das überirdische Frischfleisch, das in ihre Sphären eingedrungen ist, zu verspeisen. Neil Marshall transportiert mit seinen Bildern die Gefühle, die mit Dunkelheit, Eingeschlossensein und Enge einhergehen, auf gekonnte Weise. Schon aufgrund der evozierten klaustrophobischen Atmosphäre lohnt es sich, „The Descent“ anzuschauen. 

„Katakomben“ von John Erick Dowdle funktioniert ähnlich. Ein Expeditionsteam, dem, natürlich, ebenfalls der Rückweg versperrt ist, dringt immer tiefer in die Katakomben unter Paris ins Erdinnere vor. Angeführt wird die Gruppe von der jungen Archäologie-Professorin Scarlett Marlowe (Perdita Weeks), die wie besessen auf der Suche nach dem Stein der Weisen ist. 



Jetzt wird's auch Frau Prof. Dr. Dr. … so langsam mulmig

So besessen, dass sich der Verstand schon mal ausklinkt, wie der Zuschauer im Prolog, der im Iran spielt, sehen kann. Und damit wären wir schon bei einem Problem des Films: der etwas unglaubwürdigen und auch unterentwickelten Figurenzeichnung. Der optischen Mittzwanzigern werden Kampfkunst und diverse Doktortitel angedichtet. Einer ihrer ebenfalls sehr jungen Kollegen ist imstande, jede gefundene Inschrift stante pede zu übersetzen. Als Team sind sie unschlagbar. Die Figuren reagieren eindimensional und unlogisch, was besonders deutlich wird, als sie auf die ersten Anzeichen des Bösen treffen. Mitten auf ihrem Weg begegnen sie einem Telefon. Scarlett nimmt den Hörer und spricht mit ihrem Vater, von dem sie die wissenschaftliche Passion geerbt hat. Doch der hat sich vor einiger Zeit erhängt und weilt nicht mehr unter den Lebenden! Auch die Begegnung mit einem alten Freund der Katakomben-Guides, der seit Jahren als verschollen galt und sich zombiehaft bewegt und komisch spricht, ringt den Mitgliedern des Teams keinerlei länger währende Diskussionen ab. Schön, dass du wieder da bist! Die erschreckend blass bleibenden Figuren erinnern eher an die Charaktere eines Videospiels, ebenso das Erzähltempo, mit dem der Regisseur seine Figuren durch alle Levels hetzt. Die eindringliche Darstellung einer klaustrophobischen Atmosphäre gehört zu den Stärken des Films. Doch auch hier schöpft Dowdle das Potenzial der Geschichte nicht aus. Kaum irgendwo eingeschlossen, hat die an Lara Croft erinnernde Professorin schon das Rätsel gelöst, den einzigen Ausweg aus der Misere gefunden. Sehr schnell lernt der Betrachter so, dass man sich um die Figuren in ihrer Ausweglosigkeit keine großen Gedanken machen muss. Das nächste Level wartet schon. Doch schon halb versagt hat ein Horrorfilm, dem es nicht gelingt, den Zuschauer für seine Figuren einzunehmen. Man schaut zu und findet das alles sehr gruselig. Aber mit den Charakteren zittert man nicht mit. Wie, noch einmal: in einem Videospiel geht es nur darum, das Rätsel zu lösen, das den Ausweg weist. Je weiter die Protagonisten auf diese Art ins Erdinnere vordringen, umso näher kommen sie buchstäblich der Hölle. Eine Inschrift verkündet es ihnen sogar, doch sie befinden sich in einer Sackgasse, müssen den Weg nehmen. 



Zaungäste...

Hier begegnen sie in Visionen den Sünden der eigenen Vergangenheit ebenso wie höllischen Wesen, die es auf sie abgesehen haben. Durch die Figur der Heldin, die alchemistische Thematik, das Höhlensetting und die Höllen-Begegnungen wirkt „Katakomben“ wie ein Hybrid aus Indiana-Jones-Filmen, „The Descent“ und „Event Horizon“ mit einer Prise „Tomb Raider“. Doch als Abenteuerfilm, der sich um den Stein der Weisen und die alchemistische Thematik dreht, reicht „Katakomben“ nicht an Indiana Jones heran. Die klaustrophobische Atmosphäre ist in „The Descent“ noch intensiver erlebbar, und die Höllenvisionen sind in „Event Horizon“ ebenfalls einen Tick besser. Der Film ist motivisch überfrachtet, dem Regisseur geht das Gefühl fürs richtige Erzähltempo verloren. Die Atmosphäre bleibt etwas auf der Strecke. Dass sie nicht gänzlich in der Dunkelheit der Katakomben verschwindet, liegt an gelungenen Bildern und der Inszenierung der Begegnung mit den Kreaturen der Unterwelt. Die Schauwerte überzeugen zum Teil, haben allerdings nicht die Zeit, sich wirklich zu setzen. Regisseur Dowdle kann besser zeigen als erzählen, ohne Zweifel. Wenn es ums Erzählen geht, passt er sich dem unterirdischen Setting an. Der Regisseur schwimmt mit auf der Modewelle des Wackelkamera-Stils, was allerdings nicht so sehr negativ zu Buche schlägt. Verfügt doch jeder der Expeditionsteilnehmer über eine Helmkamera, was für die Inszenierung alle Freiheiten lässt. Wenn man das Gehirn etwas ausschaltet, dann kann man den Film durchaus genießen. Die Zeit vergeht tatsächlich wie im Höllenflug, was an besagtem und kritisiertem Erzähltempo liegt, und zur Ehrenrettung muss gesagt werden, dass sich „Katakomben“ im Vergleich mit der Masse an sonstigen Genrebeiträgen noch auf leicht überdurchschnittlichem Niveau bewegt. Aber es wäre mehr drin gewesen! 

Bewertung: (6/10)