Montag, 23. März 2015

Katakomben




Katakomben (OT: As Above, So Below, USA 2014, Regie: John Erick Dowdle)

Kritik: In der Tiefe, im Erdinnern, lauert nichts Gutes, das weiß man mittlerweile. In „The Descent“ (2005) von Regisseur Neil Marshall ist es eine Gruppe von jungen Frauen, die frohen Mutes eine Höhlenexpedition unternimmt. Als wegen eines einstürzenden Ganges der Rückweg nicht mehr möglich ist, suchen die sechs Freundinnen nach einem zweiten Ausgang. Diese Suche konfrontiert sie mit (Ur-)Ängsten, Paranoia, Ungeschicklichkeiten, gegenseitigem Misstrauen und den menschenähnlichen Crawlern, blinden Wesen, die sich in der Dunkelheit mittels Schall orientieren und nichts anderes im Sinne haben, als das überirdische Frischfleisch, das in ihre Sphären eingedrungen ist, zu verspeisen. Neil Marshall transportiert mit seinen Bildern die Gefühle, die mit Dunkelheit, Eingeschlossensein und Enge einhergehen, auf gekonnte Weise. Schon aufgrund der evozierten klaustrophobischen Atmosphäre lohnt es sich, „The Descent“ anzuschauen. 

„Katakomben“ von John Erick Dowdle funktioniert ähnlich. Ein Expeditionsteam, dem, natürlich, ebenfalls der Rückweg versperrt ist, dringt immer tiefer in die Katakomben unter Paris ins Erdinnere vor. Angeführt wird die Gruppe von der jungen Archäologie-Professorin Scarlett Marlowe (Perdita Weeks), die wie besessen auf der Suche nach dem Stein der Weisen ist. 



Jetzt wird's auch Frau Prof. Dr. Dr. … so langsam mulmig

So besessen, dass sich der Verstand schon mal ausklinkt, wie der Zuschauer im Prolog, der im Iran spielt, sehen kann. Und damit wären wir schon bei einem Problem des Films: der etwas unglaubwürdigen und auch unterentwickelten Figurenzeichnung. Der optischen Mittzwanzigern werden Kampfkunst und diverse Doktortitel angedichtet. Einer ihrer ebenfalls sehr jungen Kollegen ist imstande, jede gefundene Inschrift stante pede zu übersetzen. Als Team sind sie unschlagbar. Die Figuren reagieren eindimensional und unlogisch, was besonders deutlich wird, als sie auf die ersten Anzeichen des Bösen treffen. Mitten auf ihrem Weg begegnen sie einem Telefon. Scarlett nimmt den Hörer und spricht mit ihrem Vater, von dem sie die wissenschaftliche Passion geerbt hat. Doch der hat sich vor einiger Zeit erhängt und weilt nicht mehr unter den Lebenden! Auch die Begegnung mit einem alten Freund der Katakomben-Guides, der seit Jahren als verschollen galt und sich zombiehaft bewegt und komisch spricht, ringt den Mitgliedern des Teams keinerlei länger währende Diskussionen ab. Schön, dass du wieder da bist! Die erschreckend blass bleibenden Figuren erinnern eher an die Charaktere eines Videospiels, ebenso das Erzähltempo, mit dem der Regisseur seine Figuren durch alle Levels hetzt. Die eindringliche Darstellung einer klaustrophobischen Atmosphäre gehört zu den Stärken des Films. Doch auch hier schöpft Dowdle das Potenzial der Geschichte nicht aus. Kaum irgendwo eingeschlossen, hat die an Lara Croft erinnernde Professorin schon das Rätsel gelöst, den einzigen Ausweg aus der Misere gefunden. Sehr schnell lernt der Betrachter so, dass man sich um die Figuren in ihrer Ausweglosigkeit keine großen Gedanken machen muss. Das nächste Level wartet schon. Doch schon halb versagt hat ein Horrorfilm, dem es nicht gelingt, den Zuschauer für seine Figuren einzunehmen. Man schaut zu und findet das alles sehr gruselig. Aber mit den Charakteren zittert man nicht mit. Wie, noch einmal: in einem Videospiel geht es nur darum, das Rätsel zu lösen, das den Ausweg weist. Je weiter die Protagonisten auf diese Art ins Erdinnere vordringen, umso näher kommen sie buchstäblich der Hölle. Eine Inschrift verkündet es ihnen sogar, doch sie befinden sich in einer Sackgasse, müssen den Weg nehmen. 



Zaungäste...

Hier begegnen sie in Visionen den Sünden der eigenen Vergangenheit ebenso wie höllischen Wesen, die es auf sie abgesehen haben. Durch die Figur der Heldin, die alchemistische Thematik, das Höhlensetting und die Höllen-Begegnungen wirkt „Katakomben“ wie ein Hybrid aus Indiana-Jones-Filmen, „The Descent“ und „Event Horizon“ mit einer Prise „Tomb Raider“. Doch als Abenteuerfilm, der sich um den Stein der Weisen und die alchemistische Thematik dreht, reicht „Katakomben“ nicht an Indiana Jones heran. Die klaustrophobische Atmosphäre ist in „The Descent“ noch intensiver erlebbar, und die Höllenvisionen sind in „Event Horizon“ ebenfalls einen Tick besser. Der Film ist motivisch überfrachtet, dem Regisseur geht das Gefühl fürs richtige Erzähltempo verloren. Die Atmosphäre bleibt etwas auf der Strecke. Dass sie nicht gänzlich in der Dunkelheit der Katakomben verschwindet, liegt an gelungenen Bildern und der Inszenierung der Begegnung mit den Kreaturen der Unterwelt. Die Schauwerte überzeugen zum Teil, haben allerdings nicht die Zeit, sich wirklich zu setzen. Regisseur Dowdle kann besser zeigen als erzählen, ohne Zweifel. Wenn es ums Erzählen geht, passt er sich dem unterirdischen Setting an. Der Regisseur schwimmt mit auf der Modewelle des Wackelkamera-Stils, was allerdings nicht so sehr negativ zu Buche schlägt. Verfügt doch jeder der Expeditionsteilnehmer über eine Helmkamera, was für die Inszenierung alle Freiheiten lässt. Wenn man das Gehirn etwas ausschaltet, dann kann man den Film durchaus genießen. Die Zeit vergeht tatsächlich wie im Höllenflug, was an besagtem und kritisiertem Erzähltempo liegt, und zur Ehrenrettung muss gesagt werden, dass sich „Katakomben“ im Vergleich mit der Masse an sonstigen Genrebeiträgen noch auf leicht überdurchschnittlichem Niveau bewegt. Aber es wäre mehr drin gewesen! 

Bewertung: (6/10)