Montag, 21. November 2016

Der Nachtmahr


Der Nachtmahr (Deutschland 2015, Regie: AKIZ)




Der Nachtmahr ist einer von diesen deutschen Filmen, die einen runterziehen und verzweifeln lassen. Einer von den wenigen, die einem immer wieder verdeutlichen, wie es um den zeitgenössischen deutschen Film bestellt ist. Und um wie viel besser es sein könnte. Belanglose Filme der „Schweigerhöfers“ und Co. beherrschen die hiesige Kinolandschaft, flache Elaborate, die aus kommerziellen Erwägungen ohne Message und besonderen Anspruch lediglich der Unterhaltung dienen und den Massengeschmack bedienen. Selbst wenn sie anspruchsvoll sein wollen, wie „Honig im Kopf“ (Deutschland 2014, Regie: Til Schweiger) und andere humoristisch aufbereitete „Problemfilmchen“, kommt nichts anderes dabei heraus als übelriechende Leinwandgülle mit einem Erinnerungsverfallsdatum von wenigen Stunden. „Honig im Kopf“ ist darüber hinaus ein Tritt in den Allerwertesten von allen Menschen, die mit echten Alzheimerkranken zu tun haben. Denn die Erkrankten geben eben nicht mit jedem Satz wahnsinnig lustige und immer passende Pointen von sich, und deren Flatulenzen sind kein Grund zum Schmunzeln, sondern stinken schnell real, verbreiten den üblen Beigeschmack von Realität, der im komödiantischen Heinz-Rühmann-Gedächtniskino à la Schweiger, Schweighöfer und Co. einfach weggelächelt wird.

Filme wie DER NACHTMAHR hingegen fristen ein Schattendasein. Obwohl sie mit geringen finanziellen Mitteln bestes deutsches Genrekino auf die dämonische Leinwand zaubern, ganz in der Tradition des guten deutschen Horror- und phantastischen Films. Der zeitgenössische deutsche Genre- und Horrorfilm müsste sich nicht neben den genialen Werken aktueller französischer und besonders spanischer Herkunft verstecken, könnte mit einem ganz eigenen Stil gleichberechtigt bestehen. Mit Schwarzer Romantik und Weimarer Kino, hier besonders dem expressionistischen Film, hatte das deutsche Kino doch die besten Voraussetzungen. Steilvorlagen, an die DER NACHTMAHR wunderbar anknüpft.

Der Inhalt des Films ist dabei gar nicht mal das Entscheidende, sondern Stilistik und Erzählweise, die gleichzeitig modern und im Sinne deutscher Filmgeschichte traditionell daherkommen. Es geht um die 17-jährige Abiturientin Tina, die nach einer ausschweifenden Party in der Küche ein vor dem Kühlschrank kauerndes Monster sieht, das ihr einen Riesenschrecken einjagt. Nur sie kann es offenbar sehen, ihre Eltern glauben ihr nicht. Zunächst möchte sie diese "Visionen" loswerden, doch mit zunehmender Filmdauer ändert sich die Einstellung zu dem harmlosen Wesen. Es entpuppt sich als eine Art Doppelgänger. Wenn sich das Monster verletzt, blutet auch Tina.


Neoexpressionistisches, monstermäßiges Abfeiern


Schon mit dieser Doppelgängerthematik bewegt sich AKIZ (Achim Bornhak) ganz in der Tradition des deutschen phantastischen Films (DER ANDERE, DER STUDENT VON PRAG, SCHATTEN - EINE NÄCHTLICHE HALLUZINATION etc.). Oberflächlich erscheint DER NACHTMAHR als einfache Coming-of-Age-Geschichte mit leicht zu durchschauender Psychologie. Das Monster verkörpert all das, wovor die zunehmend auf Außenwirkung schielende, oft geistig und körperlich anorektische und feierwütige (was für ein Widerspruch!) Facebook- und Selfie-verliebte Jugend am meisten Angst hat: Häßlichkeit, Fressanfälle, Trägheit, schlechte „Publicity“ etc.

Die Geschichte wird von AKIZ jedoch so genial erzählt, mit einem Schuss bestem deutschen Expressionismus, einer Prise Lynch und einem Schuss E.T. auf Drogen, dass es eine visuelle und akustische Wonne ist. Der häufige Einsatz der Weitwinkelkamera, vor allem im Elternhaus, zeigt uns mit seinen schrägen Linien und verzerrten Perspektiven, ähnlich wie in DAS CABINET DES DR. CALIGARI übrigens, eine aus den Fugen geratene oder geratende Welt der Protagonistin, zeigt die Bilder als Phantasmagorien eines Subjekts und untermauert auch filmästhetisch bzw. stilistisch eine mögliche expressionistische Lesart. Wie in CALIGARI werden im NACHTMAHR Unsicherhieten, Konflikte, Störungen der menschlichen Seele, hier: einer Pubertierenden, nach außen gekehrt, nehmen als Monster Gestalt an. Das erinnert ein wenig an Cronenbergs DIE BRUT, in dem sich aus Aggression geborene Kindermonster als Reaktion auf einen Scheidungskonflikt und Eifersucht in der Realität manifestieren. Dennoch, so leicht macht es AKIZ den Rezensenten nicht. Durch eine Art „unzuverlässiges Erzählen“ wird der rein psychologische Interpretationsansatz in dem Moment ad absurdum geführt, in dem andere Menschen das Monster auch sehen können. Spätestens hier und auch am Ende des Films lässt David Lynch ganz herzlich grüßen.

Genremäßig lässt sich DER NACHTMAHR schwer einordnen. Als Monsterfilm gehört er auch zum übergeordneten Genre des Horrorfilms. Doch wer mit den Erwartungen eines angst- und blutgeilen Genre-Aficionados an den Film herangeht, wird enttäuscht werden. Am besten trifft meiner Ansicht nach die Bezeichnung (neo)expressionistischer phantastischer Film. Und ähnlich wie bei CALIGARI fragt man sich auch hier am Ende, was man da eigentlich gesehen hat. Aber das ist kein Nachteil. Wie in der Kunst allgemein steigt mit der Klarheit des Gesagten und Gezeigten die Deutlichkeit der Aussage. Und damit die Banalität.

Noch bevor der Film beginnt, stehen einige Hinweise auf der schwarzen Leinwand. Vor blinkenden Lichtern, isochronischen Tönen und binauralen Frequenzen wird gewarnt, die zu gesundheitlichen Problemen und epileptischen Anfällen führen können. Ein durchaus berechtigter Hinweis. Etwas wurde allerdings vergessen, dort hätte noch Folgendes stehen sollen: „Zuschauer könnten auf den Geschmack von wahrhaftigem deutschen Kino kommen. Bisher wertgeschätzte Superhelden- und kommerzielle Hollywood-Produktionen mit taktischer Dramaturgie und CGI-Einheitsbrei ebenso wie deutsche Belanglos-Komödien und historisch verfälschende Zweite-Weltkriegs-Dramen könnten ihnen nach dem Schauen zunehmend belanglos erscheinen.“ Fack, ju! Das ist deutsches Genre-Kino!

(tbc: Bilder, Bewertung etc)